Die folgende Geschichte ist eine Phantasiegeschichte.

Am besten legst Du Dich bequem hin und lässt sie Dir von jemanden, den Du magst, vorlesen.

 

Loslassen

Vorwort

Mit Beginn der Pubertät müssen Kinder lernen, langsam, langsam erwachsen zu werden. In unserer Kultur ist dafür ein verhältnismäßig langer Zeitraum vorgesehen, das so genannte Jugendalter. Um erwachsen zu werden, benötigen Kinder das Vorbild der Erwachsenen, denn dieser Prozess ist nicht mehr biologisch programmiert. Und dieser im Wesentlichen geistige Prozess erfordert von den Kindern, dass sie sich von vielen Einstellungen und Auffassungen, Vorrechten und Vorlieben ihrer Kindheit verabschieden. Sie müssen lernen, Überholtes loszulassen und verantwortlich und auf sich selbst gestellt in die Zukunft zu blicken.

Die folgende Phantasiegeschichte greift diesen Vorgang auf und gibt Gelegenheit zum inneren Üben mit Hilfe der verwendeten Natursymbolik.

 

Die Geschichte

 

Wahrscheinlich habt ihr alle schon Erfahrungen damit gemacht, dass es nicht immer einfach ist, Abschied zu nehmen. Unser modernes Leben macht es uns auch gar nicht so leicht, dies zu üben. Unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler, die durch Feld, Wald und Feld zogen, hatten viel mehr Gelegenheit, sich fortwährend auf Neues einzustellen und Abschied zu nehmen. Sie übten sozusagen ständig Flexibilität, eingebettet in die Rhythmen der Natur. Wir sind heute keine Nomaden mehr, und deshalb erschrecken wir manchmal, wenn sich irgendwelche Umstände in unserem Leben drastisch verändern. Und die ganz normalen Wechselfälle des Lebens erscheinen uns dann schon wie Krisen. Ich möchte euch Gelegenheit geben, eine innere Perspektive einzunehmen, wie sie vielleicht unsere Vorfahren vor vielen, vielen Jahren leichter haben anwenden können.

Setz oder leg dich bequem hin und stell dir vor, dass du irgendwo draußen auf dem Feld bist, vor dir ein großer Baum. Vielleicht sitzt du so, dass du ihn ganz im Auge haben kannst. Lass es am besten einen alten sturmerprobten Baum sein, der schon lange an diesem Platz steht. Was für einen Baum wählst du? Eine Eiche, eine Buche, oder einen anderen Baum?...

Und lass es gerade Frühling sein und betrachte die Knospen und frischen Triebe... Wenn du willst, kannst du dir auch vorstellen, dass du selbst dieser Baum bist, in dessen Holz nach der Winterzeit der Saft aus den Wurzeln nach oben steigt, voll Kraft und Bereitschaft, Blätter und Blüten zu produzieren... Und du kannst beobachten, wie die zarten Blätter aus ihren Hüllen heraustreten und größer und größer werden, bis sie zu kräftig grünen, stabilen Blättern heranwachsen... Und du kannst auch das Kommen und Gehen der kleinen Blüten miterleben, aus denen im Laufe des Sommers bis zum Herbst die Samen, die Früchte werden... Du kannst mit dem Baum die Jahreszeiten erleben, den Sommer mit seiner Hitze und der Sehnsucht nach Regen und dann schließlich den Herbst, und jetzt verfärben sich die Blätter des Baumes, und was nach außen so bunt und schön aussieht, ist doch der Beginn eines vorläufigen Endes... Denn mit dem Grün ist auch die Grundlage für den Stoffwechsel des Baumes verschwunden, nur das Chlorophyll kann das Sonnenlicht in Lebensenergie umwandeln... Und der Baum muß sich jetzt auf einen neuen Abschnitt im Kreislauf der Jahreszeiten einstellen. Alles, was für die kommende Zeit des Winters nicht mehr notwendig ist, muß losgerissen werden, und die Zeit des Winters ist eine große Herausforderung für den Baum, er muß sich auf die Kälte einstellen, auf Wind und Sturm und eine Zeit der Trockenheit. Aber der Baum ist klug und weise, und er fügt sich diesem Zwang der Reduzierung, und er zieht seinen Lebenssaft nach innen zurück. Du kannst das miterleben, wie die Blätter des Baumes zu Boden segeln und all die vielen Momente, wo die Blätter abknicken, am Stängel abbrechen und sich vom Ast lösen, um langsam zu Boden zu segeln. Und du kannst dich, wenn du das möchtest, gern mit dem Baum identifizieren und diesen Vorgang der Umstellung intensiv miterleben...

Du hast tausende von Blättern, und du kannst diesen Moment tausendfach ertragen, nämlich das Loslassen von überflüssig Gewordenem. Und so lebenswichtig und schön deine Blätter bis vor kurzem waren, so überflüssig sind sie für die kommende Winterzeit. Und auch mancher morsche Ast und umgeknickte Zweig kann von den Herbststürmen zu Boden gerissen werden, um im Frühjahr Platz zu machen für frische Triebe...

Und du kannst einen Augenblick auch an die Dinge denken, die in deinem eigenen Leben überflüssig geworden sind oder entbehrlich werden. Dinge, die vielleicht eine Zeitlang lebensnotwendig waren, die du aber in den kommen Jahren nicht mehr gebrauchen kannst. Und vielleicht kannst du einen Abschied leichter akzeptieren, der bereits stattgefunden hat und gegen den du immer noch rebellierst, oder du kannst dich vorbereiten, darauf einstellen, einen kommenden Abschied leichter anzunehmen, eine veränderte Einstellung zu wichtigen Menschen, eine neue Perspektive auf dein Leben, das Loslassen gewohnter Vorrechte und Erwartungen. Wahrscheinlich gibt es das eine oder andere, das dir dazu einfällt. Und vielleicht bemerkst du, dass es im Augenblick des Loslassens ein merkwürdiges Empfinden gibt: Man kann nicht genau sagen, ob Schmerz oder Freude überwiegen, denn wie der Baum wirst du dir selbst sagen können, dass du dich mit dem Abwerfen von Ballast gut rüstest für die kommende Zeit. Für die Zeit, wo du alle deine Kräfte benötigst, um den Herausforderungen gewachsen zu sein... (1 Minute)

Und weiter kannst du nun mit dem Baum die Winterzeit erleben und mit ihr die Zeit der Ruhe, der Starrheit und Kälte und der wilden Stürme... Und wenn du willst, kannst du als Baum auch die alles bedeckende Schneedecke empfinden, die Schneepolster auf deinen starken Ästen spüren und die Kälte, die dir aber nichts anhaben kann, denn alle deine äußeren Bereiche sind unempfindlich geworden und wie tot, weil sich ganz innen im Baum und in der Tiefe deines Stammes der Lebensfluss konzentriert. Und auch deine tiefen Wurzeln kann die Kälte nicht erreichen... Und so kannst du die Starre und die Eiseskälte in den obersten Erdschichten ertragen. Denn als Baum weißt du, dass diese Decke aus gefrorener Erde und die Schicht aus Schnee und Eis darüber auch eine Schutzschicht ist, damit es darunter in der Tiefe des Erdreichs wärmer bleibt für alle deine Wurzeln, mit denen du dich im Frühling wieder mit Wasser und Nährstoffen versorgen wirst. Und mit dem Baum kannst du dich jetzt einen Augenblick ausruhen, und in deinen Zweigen unsichtbar für den Blick von außen schon all die Knospen vorbereiten, die du im Frühling dann wieder nach außen schicken wirst. Und du kannst diese Zeit nutzen, um Atem zu schöpfen und um zu entscheiden, wo du neue Triebe und kleine Zweige ansetzen möchtest, um langsam im Laufe des kommenden Jahres deine Form weiter zu entwickeln, noch kräftiger, noch vielgestaltiger.

 

Aus: Vopel, Klaus W.: Phantasiereisen. Band 3. iskopress 1996

 

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