"Manchmal, wenn ich mittags aus der Schule nach Hause komme," sagt eine Jugendliche zu mir, "dann fühle ich mich so leer, so allein, dann stopfe ich massenhaft Süßes in mich rein und fühle mich danach nur noch elender."

Eine andere Jugendliche möchte einen Freund haben, sehnt sich nach Geborgenheit und Schutz, hat aber so große Angst vor Enttäuschung und Zurückweisung, dass sie sich immer wieder zurückzieht, wenn sie jemanden näher kennen lernt.

Einige haben Angst, die an sie gestellten neuen Anforderungen nicht zu schaffen.

"Als ich von der Grundschule in die Oberschule gewechselt bin", berichtet mir eine junge Frau, "habe ich gedacht, das schaffst Du nie. Ich habe nur noch für die Schule gelernt, hab mich nicht mehr mit Freunden getroffen, alle meine Hobbys aufgegeben. Nur wenn Du die Beste bist, kannst Du bestehen, habe ich mir gesagt."


Krisen treten vor allem in Zeiten des Umbruchs auf. Auf eine neue Situation muss sich neu eingestellt werden, was einigen Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern schwer fällt.

Eine Phase großer Veränderungen ist die Adoleszenz.

Es heißt Abschied von der Kindheit nehmen, Abschied von gewohnten Erlebnis- und Verhaltensmustern. Die Werte und Normen der Erwachsenen, zu denen man bis dahin aufgeblickt hat, werden plötzlich kritisch hinterfragt. Will ich so leben wie meine Eltern?

Verantwortung muss schrittweise  übernommen werden.

Die körperliche Veränderung geht einher mit einem neuen Körperempfinden und mit einem neuen Selbstempfinden, einem neuen Verhältnis zum eigenen

und zum anderen Geschlecht.

Die Familie als Schutzburg muss verlassen werden, Neuland betreten, erste Liebesverhältnisse gewagt werden.

Die größere körperliche Kraft führt vor allem bei männlichen Jugendlichen dazu, dass sie andere Verarbeitungsmechanismen für ihre aggressiven und destruktiven Impulse finden müssen.

Aber nicht nur die Hormone spielen verrückt, auch das Gehirn macht eine Phase überraschend komplexer, unentbehrlicher Veränderungen durch.  

Angesichts heftiger Impulse, Wünsche und Bedürfnisse ist das Ich oftmals in seinen regulativen und in seinen Steuerungsfunktionen überfordert. In diesem Kampf um Selbstkontrolle schwanken Jugendliche oft zwischen Askese und Durchbruch, zwischen emotionaler Abhängigkeit und Unabhängigkeit, zwischen Regression und Progression. Haben sie in dem einen Augenblick das Gefühl Herr ihrer Gedanken und ihrer Gefühle zu sein, fühlen sich in dem nächsten Moment auf demütigende Weise fremdbestimmt und beherrscht. Eine Phase derartiger Umgestaltungen geht mit einer großen Verletzlichkeit einher. Francoise Dolto schuf für diesen Prozess das schöne Bild des Hummers, der seinen Panzer wechselt, dabei zunächst den alten Panzer verliert und ungeschützt den Angriffen von innen und außen ausgeliefert ist, bis ihm ein neuer Panzer gewachsen ist. Je schlechter ausgestattet, je  weniger ausbalanciert Jugendliche in die Stromschnellen dieses Lebensabschnittes geraten, desto größer ist die Gefahr des Kenterns, die Gefahr der Dekompensation, der vielfältigen Symptombildungen.  

Regina Konrad

Psychotherapeutische Praxis

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