Ein höflicher junger Mann

 

Was für ein wohl erzogener junger Mann, sagt meine Kollegin immer wieder, wenn sie Norman die Tür öffnet, um dann ein wenig erstaunt hinzuzufügen: „Warum kommt der eigentlich?“

Sein Hausarzt hatte mich – ähnlich irritiert - angerufen und gebeten, die Behandlung zu übernehmen.

Er kenne Norman seit seiner Geburt. Jetzt sei er gekommen und habe um ein Attest gebeten, weil er nicht mehr zur Schule gehen könne. Der Junge konnte ihm nicht erklären, warum.

Er selber könne es sich auch nicht erklären. Er sei so ein liebenswerter Junge, höflich und zuvorkommend, überhaupt nicht der Typ Schulschwänzer.

Und die Mutter, was für eine tapfere Frau! Sie leide seit 5 Jahren an Multipler Sklerose. Beide nähmen dieses schwere Schicksal ohne zu jammern an. Bewundernswert.

 

Die erste Begegnung

Ein paar Tage später lerne ich den 17-jährigen Norman kennen.

Zum Erstgespräch kommt er zusammen mit seiner Mutter, die auch den Termin für ihn vereinbart hat.

Ein sehr blasser, ernster, schmächtiger junger Mann mit Brille und Kurzhaarschnitt. Nach ein paar einleitenden Worten verabschiedet sich die Mutter, sie warte draußen, und sie verabreden Handykontakt nach der Sitzung.

Der Umgang erscheint partnerschaftlich, freundlich und zugewandt, aber auch  nicht abgegrenzt.

Sie könne ruhig dableiben, erklärt mir Norman. Sie würden sowieso über alles sprechen.

Zunächst schildert Norman nun, dass er nicht mehr zur Schule gehen könne, selber nicht wisse, warum. Seit zwei Wochen habe er das Gefühl, er könne sich nicht mehr überwinden.

Es habe sich allmählich aufgebaut, ungefähr im Frühjahr habe es angefangen.

Er sei zunächst krank  (Asthma) gewesen, habe dadurch Stoff verpasst und dann das Gefühl bekommen, nicht mehr mitzukommen.

Er sei den Anforderungen, den Erwartungen nicht mehr gewachsen.

Norman besucht die 12. Klasse eines Gymnasiums, das als sehr leistungsbetont gilt.

Er sei immer ein fauler Schüler gewesen, habe sich durch die Schule eher durchgemogelt, was jetzt nicht mehr gehe.

Er habe einen großen Freundeskreis, zeichne, spiele Gitarre.

Als ich ihn nach den Noten in den einzelnen Fächern frage, kommt heraus, dass er in den meisten Fächern zwischen 2 und 3 steht, nur in Spanisch und Mathe zwischen 4 und 5. Das irritiert mich. Die schlechten Leistungen können also nicht der Grund sein. Die Lücken könnte man über Nachhilfe aufholen.  

Er schildert, dass er morgens nicht aufstehen wolle. Alles sei ihm zu viel. Er sehe keinen Sinn darin.

Das hört sich für mich nach einer depressiven Reaktion an. Aber worauf?

Ich frage nach der Mutter.

Zu seiner Mutter habe er ein Superverhältnis. Es gebe kaum Streit.

Die Krankheit erwähnt er mit keinem Wort.

Als ich ihn frage, ob er schon eine Freundin habe, erfahre ich, dass er seit dem Frühjahr mit einer jungen Frau zusammen war, die sich vor zwei Wochen von ihm getrennt hat.

Warum, das wisse er nicht. Sie habe es ihm nicht erklärt. Sie sei in England gewesen, im Schüleraustausch, habe sich schon von dort wenig gemeldet. Dann bei ihrer Rückkehr habe sie gesagt, es sei aus. Überhaupt nicht, warum.

Was er denn vermute?

Er zuckt die Schultern.

Wie es ihm denn da gegangen sei.

Er zuckt die Schultern.

Die ersten Tage sei er schon sauer gewesen. Aber dann habe er es akzeptiert.

Er könne es ja sowieso nicht ändern.

Das wirkt sehr vernünftig.

Er muss doch verzweifelt sein, denke ich mir.

Die erste Freundin zu verlieren, muss sehr schmerzhaft sein.

Er scheint sich mit Leid schnell zu arrangieren.

Gibt es dazu eine Geschichte?

Er erinnere sich kaum an seine Kindheit, sagt er auf meine Frage.

Früheste Kindheitserinnerung?

„Ich gebe meinem Opa einen Lutscher.“

Als ich ihn nach diesem Opa frage: „Der ist vor 4, 5 Jahren gestorben, aber ich erinnere mich nicht so genau daran.“

Der Vater?

Die Eltern hätten sich getrennt, als er sehr klein war. Er erinnere sich gar nicht an ihn, er habe keinen Kontakt zum Vater, wolle auch keinen. Er wohne wohl in Berlin, aber er wisse nicht, wo.

Frage, knappe Antwort, Frage.

Die Krankheit der Mutter erwähnt er auch im weiteren Verlauf mit keinem Wort und ich lasse es vorerst dabei.

Welches Gefühl sich bei ihm einstelle, wenn er daran denke, morgen zur Schule zu gehen, frage ich ihn. „Der Magen zieht sich zusammen.“ „Könnte das Angst sein?“ „Vielleicht.“

Als ich ihn bitte, auf seine Träume zu achten, kommt er in die nächste Sitzung: Er könne sich nicht erinnern. Im Laufe der Sitzung fällt ihm dann doch etwas ein. „Ich habe von einem Piratenschiff geträumt, aber das war wohl nur deshalb, weil ich mir abends einen Piratenfilm angeguckt habe.“

 

Erste Überlegungen

Seine Sprache ist mir gegenüber begrenzt, stereotyp, vor allem wenn es um Gefühle geht. Er hält sich an den immer gleichen Wendungen fest. Obwohl er mir sympathisch ist, erscheint der Zugang zu ihm schwierig. Er beschwichtigt mich, will es mir recht machen, dabei nichts von sich preisgeben. Es fällt ihm schwer, vor allem negative Gefühle wahrzunehmen und sie auszudrücken. Er registriert die begleitenden Körperreaktionen, verknüpft sie aber nicht mit den Gefühlen. Sie haben ein Eigenleben entwickelt.

Zudem signalisiert er mir: Es ist alles in Ordnung. Es gibt keine Konflikte. Keine, die man besprechen, geschweige denn bearbeiten muss. Und wenn, dann nur in ganz kleinen Portionen. Er muss die Kontrolle behalten. Er wirkt wie jemand, der gelernt hat, mit schweren Erlebnissen alleine klar zu kommen, auf keinen zu vertrauen. 

In der fünften Sitzung wage ich eine erste Deutung.

Ob der Verlust der Freundin alte schmerzhafte, unverarbeitete Verluste mobilisiert hat. Den Verlust des Vaters und den des Opas.

Ob er damals mit seiner Trauer und seiner Wut allein gelassen wurde.

Ob ihm damals keiner geholfen hat.

Ob er sich deshalb gar nicht vorstellen kann, Hilfe zu bekommen, wenn es ihm schlecht geht.

Er guckt mich erschrocken an.

Und ich überlege, ob das jetzt zu viel und mit dem Holzhammer war.

„Da könnte was dran sein“, sagt er dann vorsichtig.

Aber ich mache mir Sorgen, ob ich ihn wiedersehe.

Ich habe zu früh seine Bewältigungsstrategien unterlaufen, werfe ich mir vor.

Er hat gespürt: Auch hier kann es unangenehm werden.

Er meidet die Auslöser von unangenehmen Gefühlen.

Geht dann nicht mehr hin, siehe Schule.

Aber er kommt wieder.

„Wo sind wir das letzte Mal stehen geblieben? Könnten wir dort fortfahren?“

Das wirkt sehr eifrig und ist voller Fragezeichen.

Wissen Sie es noch? Woran können Sie sich erinnern? Bin ich Ihnen wichtig?

Fangen Sie doch mal an!

Er mag nicht von sich aus anfangen, mit seinen Themen, was er erlebt hat, was ihn beschäftigt hat, wie er sich fühlt.

Was darf man hier zeigen? Was soll man hier zeigen?

Er versucht die Regeln, die hier herrschen, herauszufinden.

Was kommt hier auf mich zu? Was löst das in mir aus? Was findet die über mich heraus? Will ich das?

Er ist ängstlich-vorsichtig und ich provoziere ihn schon wieder.

Ob er mich schonen muss, wie er die Mutter schont?, frage ich ihn.

Wieder die erschrockenen Augen.

Kann sein, sagt er.

Und ich sage: Ich halte schon was aus. Das ist mein Job. Das habe ich gelernt. Er nickt.

Mich schonen.

Das klingt zunächst paradox.

Er geht zum Therapeuten, weil er nicht mehr weiterweiß, aber kann über das, was ihn belastet, bedrückt, nicht sprechen.

Das ist eine Bewältigungsstrategie, die in seinem Leben einmal sinnvoll war, jetzt aber kontraproduktiv ist.

Als der Vater die Mutter verließ, war sie wohl selber so erschüttert, dass sie ihm in seiner Trauer nicht zur Seite stehen konnte. Er hat also erlebt, dass er sich in leidvollen Situationen besser selber hilft.

Dann erkrankte die Mutter schwer und jeder Stress könnte neue Schübe auslösen.

Auch da schien Schonen sinnvoll.

Wenn er mich jetzt schont, verhält er sich instinktiv nach demselben Muster und das versuche ich ihm bewusst zu machen, verbunden mit der Frage, ob hier diese Verhaltensweisen sinnvoll sind.

Dahinter steht die Idee, diese Verhaltensweisen in Frage zu stellen, zu unterbrechen, nach neuen, angemessenen Verhaltensweisen und den sie begleitenden Überzeugungen zu suchen.

Seine Zurückhaltung hat sicher auch noch andere Komponenten.

Der Stolz, alleine klar zu kommen, darüber werden wir später sprechen, aber auch Trotz und Rebellion. Sich verweigern, nichts hergeben.

Und: Seine dunkle Seite, die er in sich vermutet, darf er keinem zeigen. Auch über sie sprechen wir viel später.

 

Die Mutter – tapfer und vernünftig

Zu einer Sitzung kommt die Mutter mit und schildert seine und ihre Lebensgeschichte.

Norman wollte an dieser Sitzung teilnehmen und seine Mutter hatte nichts dagegen.

Die Mutter wurde in Berlin geboren.

Ihr Vater war Maurer, die Mutter Verkäuferin, hat nach ihrer Geburt nicht mehr gearbeitet. Sie haben zu viert in einer 2-Zimmerwohnung gewohnt. 

Der Vater ist vor elf Jahren nach einem Herzinfarkt gestorben.

Das Verhältnis zu den Eltern war hervorragend. Sie hatte eine tolle Kindheit.

Nach der 10. Klasse ist sie vom Gymnasium abgegangen und hat wie die Schwester eine Ausbildung im öffentlichen Dienst gemacht.

Mit 26 ist sie ausgezogen, in dieselbe Straße, ein paar Häuser weiter, wo sie heute noch wohnt.

1991 hat sie bei einer Silvesterfeier Normans Vater kennen gelernt. Der ist im Osten aufgewachsen, hat wegen Republikflucht eine Zeitlang im Gefängnis gesessen.

Er hatte zunächst als Lagerarbeiter gearbeitet, hat dann in der Firma des Vaters angefangen.

Die Schwangerschaft mit Norman war schwierig. Sie hat wegen vorzeitiger Wehen seit dem 4. Monat liegen müssen. Norman war eine Frühgeburt. Es gab nach der Geburt mannigfache Komplikationen (Leistenbruch, hohe Gelbsuchtwerte), das Stillen war schwierig.

Sie hatte acht Monate Erziehungsurlaub genommen, danach ist Norman in die Krippe gekommen.

Er ist als Kind oft krank gewesen, hatte Bronchitis, Asthma, Allergien. Er hat schlecht geschlafen, oft im Schlaf nach Luft gejappst und sie hat nachts neben ihm geschlafen „immer in Alarmbereitschaft“; sie hatte Angst, „dass er wegbleibt“. 

Normans Vater hat sich wenig um den Jungen gekümmert, sagt sie, sie kaum entlastet.

Er war ein Blender, hat mehr ausgegeben als eingenommen. Nach dem Konkurs der Firma war er arbeitslos, ohne Perspektive.

Sie selber war oft krank, hatte mehrere Bandscheibenvorfälle.

Die Sexualität (zu ihrem Sohn gewandt: Hör da mal weg) war dadurch schwierig. Normans Vater hatte dafür kein Verständnis.

Sie hätten sich zunächst nur räumlich getrennt, da war Norman sieben Jahre alt.

Sie hat ihn danach ab und zu noch mit Norman besucht.

Dann hatte er eine neue Lebensgefährtin, mit der er mittlerweile drei Kinder hat.

All das hat sie dem Sohn nicht gesagt, um ihn nicht zu belasten.

Seit sieben Jahren leidet sie an Multipler Sklerose. Die Schübe würden vor allem durch Stress ausgelöst. Es gibt Bewegungsstörungen und Sehstörungen. Sie spritze sich täglich und mache Krankengymnastik.

Seit der Beziehung zu Normans Vater hatte sie keine weitere Beziehung mehr zu einem Mann. Sie habe einen tollen Freundeskreis, sagt sie dazu, und durch die Krankheit habe sie wenig Mut zu Männerfreundschaften.

Sie meint, Normans Schulschwierigkeiten hätten in der 11. Klasse begonnen.

Er habe damals mehrere „Blaue Briefe“ bekommen, die er ihr nicht gezeigt habe.  

Er wolle mit allem selber klar kommen, wolle sie nicht belasten, vermutet sie.

Weiterhin berichtet die Mutter, dass sich Normans Vater Anfang des Jahres gemeldet habe. Sie habe Norman seine Telefonnummer gegeben, es ihm überlassen, ob er Kontakt aufnehmen möchte. 

Die Mutter ist eine ruhige, vernünftige Frau.

Tapfer, hatte der Kinderarzt gesagt.

Die Beziehung zur Primärfamilie ist immer noch sehr eng, auch die zum Sohn wirkt ungewöhnlich harmonisch.

Wollen immer alle das Gleiche? Und was passiert, wenn jemand etwas Anderes möchte?, frage ich mich.

Sie würden offen über alles reden, sagen sie mir. Deshalb könne auch jeder bei der Sitzung des anderen dabei sein.

Es gibt keine Geheimnisse? Alles muss geteilt werden? Dann muss es eine Seite geben, die Norman niemand zeigen darf, nicht mir, nicht der Mutter. 

Beide grenzen sich über ihre Krankheit ab: „Ich will nicht“, darf nicht sein. „Ich kann nicht, ich bin krank“, ist erlaubt. „Ich kann nicht“, darf im Anderen keine offene Wut hervorrufen (anders als das „ich will nicht“), im Gegenteil, es zwingt ihn zur Schonung (und verdeckter Wut).

Norman sagt, er kann sich an viele Kindheitserlebnisse nicht erinnern.

Er verweigert die Erinnerung, so vermute ich, weil jedes Erinnern auch sehr schmerzhafte Gefühle hervorrufen könnte, Gefühle, die er meint nicht aushalten zu können.

Aber auch expansives Verhalten, Neugier gelten als verboten, sind mit der Gefahr verbunden, etwas Unerwünschtes zu entdecken. 

Die Loyalität zur Mutter ist hoch. Jedes adoleszente Ausbrechen könnte ihren Zustand verschlimmern.

Die Beziehungen zu den jeweiligen Eltern werden von Beiden als „super“ beschrieben.

Beide sagen, dass ihre Kindheit toll war, aber sie können sich an wenig erinnern.

Das Dramatische im diesem so vernünftigen, ereignisarmen Leben kommt durch die schweren Krankheiten.

Sowohl bei Mutter wie Sohn fallen häufig Worte wie „obligatorische Konflikte“, „man hat sich aber“.. „ganz normal“.

Es gibt eine starke Tendenz zur Bagatellisierung und ein ebenso starkes Harmoniebedürfnis, das dem Jungen die Ablösung erschwert.

Auf diesem Hintergrund erscheint die Kontaktaufnahme des Vaters als Versuchungssituation ebenso wie der Beginn der Freundschaft zu einer jungen Frau, wie auch das nahende Abitur.

Das labile Gleichgewicht gerät ins Wanken, für die neuen Situationen stehen Norman keine Bewältigungsmechanismen zur Verfügung.

Die aktuelle Krise, seinen depressiven Einbruch, sehe ich als Reaktion auf den Abbruch der Beziehung durch die Freundin, die das Erleben der frühen Verluste und deren Abwehr mobilisiert.

Trauer und Wut über den Verlust darf er – wie damals schon -  nicht zeigen.

Sie wirken im Untergrund, erzeugen ein Gefühl von Erschöpfung und Gelähmtsein.

 

Seine Schulschwierigkeiten zeigen zudem seine Ambivalenz in Bezug auf Aufstieg und Leistungsbereitschaft. Der Aufstieg des Sohnes ist von der Mutter und der Familie der Mutter einerseits erwünscht (auf einer narzisstischen Ebene), auf der anderen Seite bedeutet er eine zusätzliche Entfremdung.

In seiner Weigerung, gute Schulnoten abzuliefern, scheinen Ansätze einer Rebellion auf, die er aber nicht offen austragen darf. 

 

Fight Club – es gibt eine andere Seite

Zunächst geht er nicht zur Schule.

Acht Monate lang.

Er hat sich ein Attest besorgt.

Das Outfit wird im Verlauf der nächsten Sitzungen verwegener.

Er färbt sich die Haare rot und trägt eingefärbte Palästinensertücher.

Meist kommt er mit einem Buch unter dem Arm.

Sein absolutes Lieblingsbuch ist „Fight Club“:

Ein komplett normaler Typ,  langweiliger Job,  langweilige Wohnung, eintöniges Leben lernt jemanden kennen, der locker drauf ist.  Er ist von dem anderen total fasziniert,  der ein risikoreiches, gefährliches Leben in abbruchreifen Häusern, die er besetzt hat, führt. Ein Ökorebell, der einen Fight-Club gründet, in dem sie gegeneinander kämpfen.

Dieser zweite Typ wird im Laufe der Geschichte immer destruktiver, er will das gesamte Geldsystem in die Luft sprengen.

Am Ende kommt heraus, dass der Erste auch der Zweite ist, dass es ein Anteil von ihm ist, den er selber, ohne es zu wissen, imaginiert. Dieser Andere verselbständigt sich immer mehr, der Erste kann den Zweiten am Ende nicht mehr kontrollieren.

Eine unglaublich spannende Geschichte.

Was hat sie mit ihm zu tun? Was fasziniert ihn daran?

Er möchte gern ein sicheres Leben leben, sagt er dazu, mit einer Familie, einem guten Job, mit Kindern, vielleicht einem eigenen Haus, aber ihm grault auch davor.

Rotkäppchen war sein Lieblingsmärchen, fällt ihm ein, nicht wegen Rotkäppchen, sondern wegen dem Wolf. Das sei ein toller Kerl. Eine Charaktertype.

Auch bei Fight-Club habe er diesen anderen Typ zunächst viel spannender gefunden, freier, aber er hätte dann eine sehr destruktive Seite entwickelt, vor der er auch Angst habe.

Ob es diese Seite auch in ihm gibt?

Nein, eher nicht, aber die Freundin sei ein wenig so gewesen und einige seiner Freunde seien auch viel unbeschwerter als er.

Und der Vater?

Nein, wehrt er ab.

Der Vater sei ein Gescheiterter, einer der nichts im Leben hinkriegt.

Davor hätte er schon Angst.

Dass er diese Seite in sich habe.

Er neige ja schon dazu, nichts zu Ende zu bringen, zu schnell aufzugeben, den Kopf in den Sand zu stecken.

Er könne sich nicht durchbeißen.

Ob es zu dem Durchbeißen nicht auch eine Portion Aggression bräuchte?

Ein erstaunter Blick.

Adgredi, an Dinge herangehen, sich mit ihnen konfrontieren, ihnen auf den Grund gehen, neugierig sein, etwas wissen wollen.

Ob er sich das nicht erlaube, es irgendwie verboten sei. Warum auch immer.

Ich lade ihn ein, das gemeinsam herauszufinden.

„Das macht Sinn“, sagt er.

 

Von Zwergen und Riesen - die Schule

Die Schule. Welche Bilder fallen ihm dazu ein?

„Sie ist wie ein hoher Berg. Riesengroß.  Ich stehe davor, ich bin ganz klein, meine Kräfte reichen nicht aus. Ich schaffe das nicht. Ich gebe auf.“

Das Gefühl:

„In der Schule sitzen und nichts kapieren. Der Druck auf den Brustkorb wird immer stärker. Er fühlt sich wie in einem Schraubstock an.

Ich halte das nicht aus und renne weg. Alle sind enttäuscht von mir.“

Was kann er gut? Zeichnen.

Norman zeichnet große Bilder.

Wie geht er da vor? Wie fängt er ein Bild an? Wie bringt er es zu Ende?

Es gibt ein inneres Wissen, ein Vertrauen, dass er das Bild zu Ende bringt.

Er teilt sich das Blatt ein, hat eine Vorstellung, wie das Bild am Ende aussieht und wie er vorgehen wird. Dann zeichnet er den ersten Strich.

Das wird für ihn ein wichtiger Lernprozess. Eine Art Modelllernen.

Die Strategie, die er beim Zeichnen anwendet, könnte er die auch auf schwierige Fächer übertragen?

Zunächst versteht er das nicht.

Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun.

Vor allem das eine kann er, das andere nicht.

Aber er merkt, dass die Kombination aus Einstellung (ich kann das, ich schaffe das) und einer Strategie (ich gehe Schritt für Schritt vor) ihm beim Malen hilft, dass ihm aber beides bei Mathe fehlt.

Mit diesem Gedanken spielen wir eine Zeitlang.

Norman fällt auf, über wie viel Fähigkeiten er verfügt, wo seine Stärken sind.

Bisher hatte er hauptsächlich seine Defizite gesehen.

Das, was er konnte, war normal. Es war nicht in ihm repräsentiert. Er konnte es nicht nutzen, um schwierige Situationen besser zu bewältigen.

Mit Beginn des neuen Schuljahres geht er wieder zur Schule, wiederholt die elfte/zwölfte Klasse. Es kommt ihm plötzlich viel einfacher vor. Er wiederholt ja den Stoff. Er hat nur nette Lehrer, die ihn alle freundlich empfangen. Keiner fragt die unangenehmen Fragen, vor denen er die ganze Zeit Angst hatte und die wir immer wieder zusammen durchgegangen sind (Wo hast Du gesteckt, was war mit Dir los?)

Er kann eine Sprache, Russisch, abwählen und muss sich nur noch mit Mathe rumschlagen. Aber da hilft ein Freund, übt regelmäßig mit ihm.

Die erste Zeit sitze ich trotz aller Beschwichtigungen oder eben wegen der vielen glatten Berichte wie auf Kohlen.

Jede Sitzung erwarte ich einen Knall.

Ich gehe mit ihm durch die Woche, interessiere mich für den Inhalt der einzelnen Schulstunden, diskutiere die Themen mit ihm, versuche seine Neugier auf die Inhalte zu wecken. Was haben z.B. Schillers Räuber mit ihm zu tun? Wie sieht Rebellion heute aus? Aber auch, wie lege ich eine gute Grundlage für lebenslanges Lernen. Wie erarbeite ich mir ein Thema? Geschichte ist so ein Fach, mit dem er sich schwer tut. Klar! Wie soll man sich für die Vergangenheit interessieren, wenn  man mit der eigenen seine Mühe hat, da gar nicht so genau hingucken will.  Aber ich möchte auch, dass er unterscheiden lernt. Welche Stunden haben mir gefallen, welche Themen, welche nicht so sehr. Ich versuche den Riesenberg in kleine Häufchen zu unterteilen. Und natürlich ist dieses durch die Woche gehen auch eine subtile Kontrolle, was er schmunzelnd feststellt. Ich vergewissere mich, dass er regelmäßig hingeht – physisch und psychisch anwesend ist. Und es scheint zu klappen. Ein ganzes Jahr lang.

Er hat eine Vision.

Wie seine Freundin Viola möchte er Kunst und Englisch auf Lehramt studieren.

Er fängt schon mal mit seiner Mappe an.

In beiden Leistungskursen steht er zwischen eins und zwei.

Er singt im Chor und macht einen Tanzkurs, findet plötzlich Biologie interessant.

Er ist zufrieden mit sich. Es läuft gut, sagt er, und manchmal macht es sogar Spaß.

 

Verlassen werden – verlassen - die Freundin

Und dann kommt er wieder mit seiner Freundin zusammen, was er mir aber erst nach Wochen sagen kann.

„Ich bin übrigens seit kürzerem Schrägstrich längerem wieder mit Marlene zusammen.“  Ein typischer Norman-Satz. Beamtenmäßig korrekt, aber der Inhalt dahinter explosiv.

Er hatte Angst, es mir zu sagen.

Ich könnte ihn dafür verachten.

„Weil ich nicht von ihr loskomme.“

„Wenn ich das jetzt ausspreche, hört sich das albern an, aber so muss ich wohl gedacht haben oder vielleicht auch nur gefühlt. Es war ein Gefühl von Scham.“

Wir hatten im letzten Jahr immer wieder über diese Beziehung gesprochen.

Was für ihn so wichtig an dieser Beziehung war.

Die Geborgenheit.

Das Gefühl, aufgehoben zu sein.

Ihre leichte, unbeschwerte Art, die er selber so schmerzlich in seinem Leben vermisst. Ihre Familie – gutbürgerlich.

Die schöne große Wohnung.

Ob er selber auch unzufrieden war mit Entwicklungen in der Beziehung?

Ja, da fallen ihm schon einige Punkte ein.

Aber er hat sie so hingenommen:

Dass sie wenig Zeit für ihn hatte.

Dass meistens sie bestimmt hat, wo und wann sie sich getroffen haben.

Dass alles nur nach ihrem Kopf gegangen ist, er sich untergeordnet hat.

Zunächst kann er sich gar nicht vorstellen, sie zu treffen, mit ihr zu reden.

Zu groß ist das Gefühl von Verletztsein und Kränkung.

Von körperlichem Schmerz.

Aber auch von Trauer.

Etwas verloren zu haben, was wichtig und wertvoll für ihn war.

Bei dem gemeinsamen Nachdenken über diese Beziehung haben wir überlegt, wie er das Schöne dieser Beziehung in sich bewahren kann.

Die Erinnerung an all das Gute, das er erlebt hat, kann ihm keiner wegnehmen. Nur er selber kann es nachträglich entwerten, vernichten, auslöschen.

Wir entwickeln zusammen Fragen, die wir manchmal sehr unterschiedlich beantworten.

Warum hat sie sich getrennt?

Er: Sie hat mich nicht mehr geliebt. Sie hat das Interesse an mir verloren. Ich war ihr nicht mehr wichtig.

Ich: Sie war vielleicht zu jung für eine Beziehung. Sie wollte vielleicht einen Freund, ohne eine Freundschaft leben zu können.

Er hat den Beziehungsabbruch mit seinem Selbstwert verknüpft.

Ich stelle diese Verknüpfung infrage.

Wir imaginieren zusammen Begegnungen mit ihr, entwickeln Szenen mit Dialogen.

Was bräuchte er, um sich zu konfrontieren?

Mut.

Wann hat er Mut?

Ihm fallen einige Situationen ein.

Mit diesem Mut der Freundin begegnen.

Von einer gemeinsamen Freundin hatte er erfahren, dass sie ihn damals wegen eines jungen Mannes verlassen hatte, den sie in England kennen gelernt hatte.

Diese Beziehung hatte aber nicht lange gehalten.

Zwischendurch hatte auch er einige kleinere Affären mit jungen Frauen, was ihn deutlich selbstsicherer macht.

Es gibt dann ein Fest, auf dem sie auch ist. Da geht er ihr aus dem Weg. Aber dann schreibt er sie wohl über Facebook an und sie verabreden ein gemeinsames Treffen, aus dem sich dann eine neue Beziehung entwickelt.

Sie sind nur kurz zusammen.

Nach ersten kleineren Konflikten trennt er sich von ihr. Bevor sie es tut.

Eine Art Wiedergutmachung, sage ich.

Das hört sich für ihn schrecklich an, aber er merkt, wie wichtig es für ihn ist, aus einer passiven Position, „ich werde verlassen“, in eine aktive zu kommen.

Da ist aber noch eine Seite, die er nur schwer aushalten kann: Er hat sich wie der Vater verhalten. Er hat eine Frau verlassen, was er eigentlich nicht darf.

Er spürt in der kurzen Zeit, in der sie zusammen sind, wie sehr er sich verändert hat. Wie aktiv und durchsetzungsfähig er selber in den letzten Monaten geworden ist.

Freier, offener.

Aber er merkt auch, wie schwierig es oft zwischen ihnen wird und wie einseitig er Konflikte interpretiert.

Ein Beispiel: Er war mit ihr auf einem Fest bei ihren Freunden. „Sie hat sich überhaupt nicht um mich gekümmert“, beklagt er sich bei mir. „Mich links liegen gelassen, mich nicht vorgestellt, gar nichts.“ Er würde sich da ganz anders verhalten, versichert er mir. Er sei am Ende verärgert gegangen. Darüber war sie dann sauer. Das wiederum fand er kindisch. Da merkt man dann doch den Altersunterschied, erklärt er mir ein wenig von oben herab. (Sie ist zwei Jahre jünger)

Ob sie es so erlebt haben könnte, dass er sich nicht für ihre Freunde interessiert, gebe ich zu bedenken.

Sie hatte ihm vorgeworfen, er habe in der Ecke gesessen und SMS geschrieben.

Kann ein- und dieselbe Sache aus einer unterschiedlichen Perspektive betrachtet unterschiedlich aussehen?

Das kann er sich erst gar nicht vorstellen.

Wir stellen eine Skulptur in die Tischmitte.

Was sieht er?

Was sehe ich?

Wow, sagt er am Ende der Sitzung, da hab ich aber jetzt was zum Nachdenken.  

Es hilft ihm, den Konflikt mit der Freundin zu verstehen und zu klären.

Aber am Ende trennt er sich. Er verlässt sie.

Die drei Positionen. Ich habe ihn lange bestärkt, einen Konflikt aus der ersten Position heraus zu betrachten: Wie sieht der Konflikt aus meiner Sicht aus, was fühle ich, wie geht es mir? Jetzt fordere ich ihn auf, sich vorzustellen: Wie sieht es aus meiner Sicht aus, wie aus der Sicht des Anderen. Beides! Und wie vielleicht aus einer Beobachterpositionen, wenn ich den Beiden aus einer sicheren Distanz heraus zugucke, mir das Geschehen auf einer Leinwand vorstelle. Was sehe ich dann?

Es gibt kein „entweder oder“ (entweder sie hat Recht oder ich), sondern ein „sowohl als auch“. Das ist manchmal schwer auszuhalten.

Als wir über die aktive und passive Position sprechen, fällt ihm ein, dass er in der letzten Zeit viel darüber nachgedacht habe, so schnell wie möglich von zu Hause auszuziehen. Es ist das erste Mal, dass er mit mir über die Krankheit der Mutter spricht.

Er möchte gehen, bevor sie ihn verlässt.

Auch hier bricht er ein Tabu.

Die Mutter verlassen. Mit mir über ihren Tod sprechen. Wie er sich innerlich darauf vorbereitet, dass sie sterben könnte.

Er hat sich schon eine kleine Ersatzfamilie  geschaffen, ein Freund, eine Freundin, mit denen er zusammen ziehen will nach dem Abitur.  Er hat sich Ersatzeltern geschaffen. Er hat eine kleine WG, in der er oft ist, wo er oft schläft.

Am Ende der elften Klasse macht er eine vierwöchige Interrailreise mit zwei Freundinnen.

Es ist das erste Mal, dass er ohne die Mutter verreist.

Obwohl es auf der Reise viel Zoff gibt und er einen Teil ganz alleine zurücklegt, kommt er beschwingt und voller Energie aus den Ferien zurück.

Stolz. Wow, das habe ich geschafft.

 

Ein Rückschlag

Es gibt dann einen kleinen Rückschlag nach drei Wochen.

Er mag nicht mehr zur Schule gehen.

Er fühlt sich ausgelaugt. Er schafft das alles nicht.

Er will auch nicht mehr Kunst auf Lehramt studieren.

Alles macht keinen Sinn mehr für ihn.

Was könnte der Hintergrund für diesen Einbruch sein?

Der Mutter geht es schlechter. Es gibt deprimierende Diagnosen.

Er redet nicht mit seinen Freunden darüber, muss es mit sich ausmachen.

Er muss stark sein.

Er ist der Berater der Anderen, nicht umgekehrt.

Sein Stolz, von keinem abhängig zu sein, aber auch eine Art moralischer Überlegenheit. Über all das können wir offen sprechen.

Nach dieser Sitzung redet er mit den Eltern einer guten Freundin, die eine Art Ersatzeltern für ihn wurden und das ist der Durchbruch, auch mit seinen Freunden darüber zu reden. Er fühlt sich erleichtert. Unterstützt.

Was noch?

Alle Freunde haben Abitur gemacht. Er hängt da jetzt ganz alleine rum. Früher hat er sich immer darauf gefreut, die Freunde in der Schule zu treffen. Das fällt jetzt weg.

„Alle sind da raus. Nur ich muss da noch hingehen. Alle machen High Life. Nur ich muss morgens aufstehen.“ „Auch ich könnte jetzt fertig sein.“

Und: Jeder geht jetzt seinen Weg. Einige gehen aus Berlin weg. Die Gruppe zerfällt. Ein neuer Abschnitt fängt an.

 

Er fängt sich schnell.

Ich gebe nicht auf, sagt er, nicht so kurz vor dem Abi. Ich halte durch.

Interessanterweise kommen wir jetzt noch einmal auf den Fight-Club zu sprechen.

Auf die dunkle Seite, die Seite, vor der er Angst hat, die zerstörerische Seite, die unkontrollierbar werden könnte.

Wann?

Wenn man seine positive Energie nicht leben kann.

Wenn man nicht neugierig, expansiv, konfrontativ sein darf.

Wenn das Leben in geordneten Bahnen ablaufen muss. Wenn es zu viel Sicherheit und zu wenig Risiko gibt.

Wann konnte er diese positive Energie spüren?

Die Interrailtour fällt ihm ein.

Der Wiedereinstieg in die Schule, die kurze Zeit mit Marlene.

Er hat sich getraut. Er hat sich etwas zugetraut, Angst bewältigt.

Das macht ihm Mut. 

 

Regina Konrad

Deidesheimer Str. 1A

14197 Berlin

www.reginakonrad.de

 

 

 

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