Jill

Ich achte mich selbst nicht.

Ich kann niemanden achten, der mich achtet.

Ich kann nur jemanden achten, der mich nicht achtet.

Aus: R.D. Laing: Knoten

 

Jana: Feuervogel - Bettelkind

Jana ist siebzehn Jahre alt, als ich sie kennen lerne. Eine schlanke junge Frau mit langen blonden Haaren und blauen Augen. Ein schwarzer, balkenartiger Lidstrich, weiß angemalte Lippen und eine dicke Puderschicht geben ihrem hübschen Gesicht etwas Maskenhaft - Unlebendiges. Alles an ihr wirkt gedämpft, ihre Stimme, ihre Sprechweise, ihre Mimik und Gestik. Nur ihr Gang - so wie sie manchmal in mein Zimmer stürmt - zeigt Zielgerichtetheit und Stärke.

Sie fühlt sich zu dick, hat Angst, immer dicker zu werden. Sie isst zu viele Süßigkeiten, sagt sie, vor allem bei Stress, wenn sie traurig ist, wenn etwas Unangenehmes bevorsteht, wie Klausuren oder ein Treffen mit dem Vater; auch wenn sie Streit mit dem Freund hat.

Sie tanzt in einer Company, verdient damit ein wenig Geld.

Ihr Zimmer hat sie mit den Hochglanzbildern von bekannten Models tapeziert: Das lädt zum täglichen Vergleich mit diesen retuschierten Abbildern ein - ein Vergleich, der für sie niederschmetternd ausfällt.

Mit der dick aufgetragenen Schminke will sie ihre vermeintliche Hässlichkeit zudecken, eine Hässlichkeit, die sie in ihrem Gesicht und in ihrem Körper ortet.

Ihr Schluss: Das Gesicht muss maskiert werden, der Körper durch Diäten und Fitness in Form gebracht, in eine perfekte, vorgegebene Form.

„Nur wenn ich so schön, so perfekt bin wie die Models auf den Hochglanzpostern, kann ich geliebt werden.“

Liebenswert sein.

Die eigenen Stärken und Fähigkeiten wahrnehmen.

Jana sieht bei sich vornehmlich Defizit und Mängel.

Sie ist eine ehrgeizige junge Frau, eine gute Schülerin, kurz vor dem Abitur. Aber sie hat wenig Selbstvertrauen, dafür hohe Ansprüche, die sie nicht zur Ruhe kommen lassen, die sie vorwärts treiben.

Nachts träumt sie von Zugentgleisungen, davon, dass der Vater tot in der Wohnung liegt, oder dass der Freund sie verlässt.

Als sie ein Kind war, fällt ihr zu diesen Träumen ein, gab es eine Phase, da hat die Mutter immer als erste die Wohnung betreten, aus Angst, der Vater könne sich in der Wohnung erhängt haben. Sie wollte damit den Kindern eine traumatische Erfahrung ersparen und hat ihnen eine gefahrengetränkte Atmosphäre vermittelt, die eigenen Angstbilder an die Kinder weitergegeben. Bis heute bestimmt diese Stimmung der unterschwelligen Bedrohung Janas Erleben der Welt und drückt sich immer wieder in Alpträumen aus.

Das Männerbild

Der Vater

Als Jana sieben Jahre alt ist, trennen sich die Eltern. Der Vater ist nach der Geburt der Schwester an einer bipolaren Störung erkrankt, lang anhaltende depressive Phasen, in denen er auch suizidal ist, und manische Phasen lösen sich ab. Nach der Trennung verbietet ihm die Mutter, die Familienwohnung zu betreten, und Jana sieht ihren Vater selten, worunter sie als Kind leidet.

„Er will mich nicht sehen“, schreibt sie in ihr Tagebuch, „ich bin ganz unwichtig für ihn“.

Seit dem vierzehnten Lebensjahr ist der Kontakt zum Vater wechselhaft, hängt auch von seinen Phasen ab. In den depressiven Phasen ist er zurückgezogen, in den manischen mag Jana ihn nicht treffen.

„Er singt laut auf der Straße“, beklagt sie sich bei mir, „spricht unterwegs fremde Leute an, fährt betrunken Auto, von denen er mehrere besitzt, erzählt von irrsinnigen Projekten“.

Oft lungert er in der Kneipe gegenüber ihrer Wohnung rum, und sie tut so, als ob sie ihn nicht kennen würde.

„Er kommt nicht, wenn wir verabredet sind, manchmal Stunden, manchmal Tage später. Dann schwafelt er nur von seinen tollen neuen Geschäften, alles Wahnideen und zahlt keinen Unterhalt. Mir kann er gar nicht zuhören, und es kommt schnell zum Streit. Ich zähle nicht, es interessiert ihn nicht die Bohne, was ich mache und wie es mir geht. Er ist so schrecklich, dass ich ihn gar nicht an mich ranlassen kann. Es tut nur weh.“

Der Freund

Zu Beginn der Therapie hat sie eine masochistisch getönte Beziehung zu einem zwei Jahre älteren Schulkameraden.

Dieser trennt sich bald darauf von ihr, und Jana reagiert mit Erbrechen und Weinkrämpfen. Sie erträgt den Beziehungsabbruch nicht, es ist, als ob ihr Leben ohne diesen jungen Mann keinen Sinn mehr hat.

So sprechen wir die ersten Wochen fast nur über die Beziehung zu diesem Freund und Janas Zustand stabilisiert sich.

Erstaunt stellt sie fest, wie viele Parallelen es zwischen dem Freund und dem Vater gibt.

„Dave ist  lustig, ein wenig verrückt und überdreht, was mir manchmal peinlich war, sehr unzuverlässig und eigentlich nur mit sich beschäftigt.

Ich habe immer hinter ihm her telefoniert, nie hat er sich von sich aus gemeldet. Ich habe immer gedacht, eigentlich bin ich ihm nicht wichtig. Wenn ich länger nichts von ihm gehört habe, wurde ich ganz unruhig und musste ihn anrufen, obwohl ich wusste, dass ich ihn damit nerve. Aber ich musste seine Stimme hören, musste hören, dass alles in Ordnung ist, dass nichts passiert ist, dass ihm nichts passiert ist, dass er noch da ist, dass er noch für mich da ist.“

Als sie ihre Freunde Revue passieren lässt, erkennt sie bei aller Unterschiedlichkeit der Charaktere und der Typen(blond, schwarz, groß und kräftig, klein und zierlich) ein gemeinsames Muster: sie kann Männer nur dann „lieben“, wenn sie sie idealisieren kann, wenn sie unerreichbar sind. Männer, die mit ihr zusammen sein möchten, stößt sie weg.

Woody Allen hat es in dem Film der Stadtneurotiker auf den Punkt gebracht: Er würde nie Mitglied in einem Club werden, der ihn als Mitglied aufnimmt.

Niedriges Selbstwertgefühl und Partnerwahl, durch die das niedrige Selbstwertgefühl bestätigt wird, greifen so ineinander. Ein gestärktes Selbstwertgefühl führt zu einer veränderten Partnerwahl. Dafür ist Jana ein gutes Beispiel. Die Wahl ihrer jeweiligen Partner drückt gut ihr eigenes Selbsterleben aus.

Der Hundetraum  

Zu einer der ersten Therapiestunden bringt sie einen Traum mit:

Frohnau. Wir haben ganz viele Hunde, auf die ich aufpassen muss. Es schleicht die ganze Zeit ein großer Hund um unser Grundstück. Ich muss ihn abschießen.

Ich bin mit meinem Freund im Süden. Vor einem großen Grundstück sehe ich, dass eine Hündin Schwierigkeiten hat, ihre Jungen zu gebären. Ich laufe zu der Besitzerin, doch der ist es egal. Der Besitzer kommt aus dem Haus und entdeckt, dass ein paar Küken aus ihrem Gatter gelaufen sind. Er brüllt und nimmt ein Küken, das er mit dem Kopf auf den Stein schlägt.

Im Kunsttest bekommen wir drei Worte vorgegeben, die wir bildlich darstellen sollen: Abschied, allein, das dritte Wort habe ich vergessen. Ich male ein breites rotes Kreuz und ein Bild auf dem ein Strichmännchen abgetrennt von den anderen steht.“

Janas Einfälle zu dem Traum:

Sie hat als Kind oft von Wölfen geträumt, die um das Haus in Frohnau schleichen, hatte Angst, von ihnen gefressen zu werden.

Das Kreuz erinnert sie daran, dass es ihrer geliebten Oma, der Mutter der Mutter, schlecht geht, es drückt ihre Sorge aus, die Oma könne sterben.

Mit meiner Frage, ob die Hunde oder Wölfe auch für einen eigenen Anteil stehen könnten, kann sie gar nichts anfangen und reagiert irritiert.   

In diesem Traum leuchten viele Themen auf, die uns im Laufe der Therapie beschäftigen werden: der Umgang mit den eigenen expansiven Impulsen, mit dem inneren Kind, mit dem Alleinsein, mit dem Tod. Gleichzeitig weist er auch auf ihre Stärken hin (Kunst) und gibt Einblick in ihre eigene Entwicklung. In dem Sinne könnte man ihn als einen Initialtraum bezeichnen. Jeder Traum kann objektstufig und subjektstufig gedeutet werden. Objektstufig meint: Die Szene im Traum drückt die Beziehung des Träumers zu den Personen aus. Subjektstufig bedeutet, dass alle Personen und Wesen im Traum für einen Aspekt des Selbst stehen, der Traum die innere Bühne darstellt. Nehmen wir an, die Hunde stehen für Energie, Vitalität, Lebendigkeit, Instinkte, dann können wir im Traum dem Schicksal dieser Impulse folgen: sie werden abgeschossen, sie schleichen um das Haus, bedrohen von außen, stehen drinnen nicht als Potenzial zur Verfügung. Das Küken, etwas Kleines, Zartes, gerade Geborenes, das sich vor die Tür wagt, aus der Umfriedung heraus, wird zur Strafe erschlagen.

Der Traum veranschaulicht, wie Jana mit ihrer expansiven Seite umgeht: sie erschlägt sie, und sie verlagert sie nach außen. Sie sieht die Aggression außerhalb von sich und fürchtet sich davor, umso mehr, als sie - ihrer eigenen Stärke beraubt - der äußeren Aggression hilflos gegenüber steht.

Frohnau: das Haus der Großmutter mütterlicherseits. Diese Großmutter, eine erfolgreiche Unternehmerin, jetzt im Ruhestand, eine tüchtige Frau ist das eigentliche Vorbild von Jana.

Die Mutter, die unter dieser strengen und rigiden Frau als Kind gelitten hat, konnte wenig Selbstbewusstsein entwickeln und wird von Jana abgewertet. Sie sei dumm, eine kleine Angestellte, die sich von Männern ausbeuten lasse.

Ihre Depressivität lege sich wie Mehltau über die häusliche Atmosphäre und färbe alles grau in grau.

Jana hat von der Großmutter die Stärke und die Zielstrebigkeit, darf sie aber nicht leben. Irgendetwas muss daran gefährlich sein.

Und: Ihr sind ihre Stärken nicht bewusst. Fokussiert ist sie auf ihre Schwächen, die ausgemerzt werden müssen. Ihre Stärken erscheinen ihr - gemessen woran? – als Schwächen.

Bleierne Zeit

In den ersten Monaten erlebe ich Jana  – auch in der Therapie - als strebsam und fleißig, dabei wenig vital. Oft legt sich in den Sitzungen eine bleierne Schwere auf mich, ich werde ganz plötzlich unendlich müde, kann kaum noch einen Gedanken fassen, die Augen fallen mir zu und ich muss gegen mächtige Widerstände ankämpfen, um nicht vom Stuhl zu fallen oder mich dem Schlaf hinzugeben.

Meist bringt sie einen Traum mit, trägt ihn mit einer gleichförmigen, wenig belebten Stimme vor und guckt mich dann erwartungsvoll an und sagt nichts mehr. Eine eher mühsame, zähe Arbeit beginnt. Was fällt Ihnen dazu ein? Sie sagt etwas, und ich gerate immer mehr in diesen Zustand, in dem ich mich wie gelähmt, hypnotisiert fühle: ohne Ideen, Assoziationen, leer. So als wenn mich ein Sog nach unten in eine unergründliche Tiefe zieht und ich mich mühsam nach oben an eine klare, helle Oberfläche kämpfen muss.

Nach einer dieser Sitzungen, noch ganz gefangen in der halluzinatorischen Stimmung, steigen in mir Bilder aus Märchen auf: ein wilder Mann auf dem Grund eines Teiches - von der Gemeinschaft gefürchtet und gefesselt. Befreit bringt er dem Helden zunächst Unbill – er muss das Elternhaus verlassen, dann aber Heil – er bekommt die Königstochter; ein von einer Hexe in einen Stein verwandelter Jüngling, der von seinem Bruder mit Hilfe seiner Tiere ins Leben zurückgeholt wird; ein Fischer, der die Knochen einer Verstoßenen einsammelt, sie ordnet, ihnen Leben und Wärme einflößt.

Die Bilder kreisen um das Erstarren und Lebendigwerden.

Und eine Geschichte über die Trancereisen der Schamanen in die Welt der Geister kommt mir in den Sinn: In Trance ringen sie mit mächtigen Geistern um das Heilwerden eines Mitglieds der Gemeinschaft, erfahren etwas über die Mittel zur Heilung, fungieren wie Blitzableiter. Durch ihre Vermittlung werden die Gefahren, die dem Mitglied drohen, abgeleitet, ungefährlich gemacht.

Ob auch ich – eher unfreiwillig –  solch eine Reise antrete, frage ich mich, die mich in tiefe unbewusste Schichten, in frühe, vorsprachliche Empfindungszustände führt? Aber mit welchem Geist kämpfe ich da unten und was erfahre ich über die Heilung?

Während ich noch einmal diesem dumpfen und schweren Zustand nachspüre, fallen mir die still face- Übungen in einer Kollegengruppe ein, die Irritation der Teilnehmer, wenn der Gesprächspartner (nach Vorgabe) mitten im Gespräch wegrutscht, abwesend wird. Wir wollten damit nachempfinden, was wir in den Filmen der Säuglingsforscher gesehen hatten: Die Reaktion des Säuglings auf das starr werdende Gesicht der depressiven Mutter, des depressiven Vaters, sein Versuch, die Mutter /den Vater wieder lebendig zu machen, und wenn es nicht gelingt, sein spiegelgleiches Schlaff- und Unbelebtwerden.

Ob wir beide in so einer frühen mimischen Interaktion gefangen sind, sie wiederholen, ich auf Janas Erstarrung reagiere? Das würde gut zu meiner Empfindung passen.

Während ich diesem Gefühl nachspüre, die Bedeutung für die Therapie zu ergründen suche, fällt mir ein weiterer Aspekt auf: Janas zunehmende Passivität. Das weckt in mir ein Sammelsurium ganz anderer Gefühle. Eher Unwillen. Soll ich hier alles alleine machen? Bin ich Frau Allwissend, die sagt, was richtig und was falsch ist, die die arme, hilflose, bedürftige Patientin zu füttern hat?

Aber dann spüre ich auch ihre Angst. Ihre Angst vor dem Raum der freien Assoziation. Sie tritt auf die Bremse! sage ich mir.

Sich den eigenen Gedankenflüssen und -sprüngen zu überlassen, das könnte für sie gefährlich sein. Ist nicht die Manie des Vaters gekennzeichnet durch Sprunghaftigkeit, Unordnung und Chaos! Sind in ihrem Erleben die Übergänge zwischen Lebendigkeit und Manie fließend, zufällig, unvorhersehbar? Die Gedanken schweifen lassen: Welche verbotenen Gedanken könnten an die Oberfläche geschwemmt werden? Welche verrückten?

Und dann in einer der nächsten Sitzungen doch ein Einfall, der uns auf neues Terrain bringt:

„Ich bin elf und spiele ausgelassen mit meiner besten Freundin Karla. Meine Mutter kommt nach Hause und erstarrt: Du wirst so verrückt wie dein Vater, schreit sie mich an - völlig außer sich“.

Das hat sich ihr eingegraben. Sie hat die Angst der Mutter übernommen, unterdrückt Spielfreude, das Ausprobieren von neuen Wegen und Irrwegen, das Bedürfnis nach Grenzüberschreitungen, die typisch für die Zeit des Übergangs und des Wandels, für das Erwachsenwerden sind.

Und sie sucht sich Freunde, die all das im Exzess leben, die Farbe, Aktivität und Lebendigkeit in ihr Leben bringen, meist in einem negativen Sinne – über Dramatik und Streit.

Jana sucht sich Draufgänger und muss alles Draufgängerische bei ihnen kontrollieren. Sie sucht sich Abenteurer, die sie sich fürsorglich und beschützend wünscht; sich ausschließende Erwartungen, mit denen ein Zwanzigjähriger offensichtlich überfordert ist.

So unterschiedlich die Freunde im Verlauf der Therapie auch sind, die Beziehungsmuster ähneln sich. Jana wirft ihnen vor, sich nicht genügend um sie zu kümmern. Sie fühlt sich vernachlässigt und die Männer reagieren auf ihr einforderndes, unzufriedenes Rumnörgeln mit Rückzug, wodurch sich eine sich gegenseitig verstärkende Dynamik aus Forderung und Rückzug ergibt.

Jeden Tag kommt es zu einem heftigen Streit. Erst ganz allmählich kann Jana erkennen, wie sehr der Streit, über den sie sich bei mir beklagt, der eigenen Nähe - Distanzregulierung dient, aber auch dem Gefühl lebendig zu sein.

Die Krise

Aber zunächst ist es äußerst schwierig, die von ihr mitinszenierten Beziehungsmuster aus einer guten Distanz heraus gemeinsam zu betrachten. Sie kommt schon mit einer Miene, die mir sagt, dass es ihr heute sehr schlecht geht. Dann beklagt sie sich über ihren Freund und will nun von mir, dass ich bedingungslos, distanzlos, kritiklos auf ihrer Seite stehe – genau wie sie das Verhalten des Freundes falsch finde. Sie reagiert gereizt, wenn ich mit ihr das Beziehungsmuster betrachten möchte, noch gereizter, wenn ich Verständnis für die schwierige (Arbeits- Kindheits-, Gefühls-)Situation des Freundes äußere und sie zum Einfühlen, zum „Gehen in seinen Schuhen“ einlade.

Ich bekomme zunehmend das Gefühl, eine schlechte Therapeutin zu sein, die ihr das, was sie braucht, nicht geben kann, ein Muster, das sie auch mit den Freunden beklagt. Hineingezogen und verstrickt spiele ich meinen Part in dem Drama: Ich entwickele Ärger auf ihre fortwährende Nörgelei, werde ungeduldig und reagiere gereizt und abweisend.

Eine Durchsicht der Protokolle für ein Seminar bringt mich in eine hilfreiche Distanz. Ich erkenne das Muster unserer Interaktion und kann es in der nächsten Sitzung ansprechen. Jana reagiert zunächst irritiert und beunruhigt auf meine Beschreibung unserer Inszenierung. Sie erlebt es wie einen Vorwurf und befürchtet einen Rausschmiss. Aber da ich jetzt ohne Ärger bin und deshalb gelassen über unser qualvolles Miteinander der letzten Wochen reden kann, versteht sie, dass es mir nicht um Schuld und Vorwurf und schon gar nicht um Rausschmiss, sondern um Klärung und Veränderung geht. Am Ende der Sitzung gehen wir erleichtert auseinander. Sie selber konnte, obwohl von mir ermuntert, nicht sagen, wie sie die Wochen erlebt hat.

Die Klärung dieses emotional sehr aufgeladenen Konfliktes zwischen uns wirkt wie ein reinigendes Gewitter. Ihr Verhalten in der Therapie verändert sich und zunehmend auch zu ihrem Partner. Es beginnt eine konstruktive und kreative Phase, in deren Verlauf Jana immer lebendiger wird. Ihr Gesicht wird offener, sie kann auch ungeschminkt auf die Straße gehen, ihre Werte verändern sich, die Glanzbilder im Zimmer werden abgehängt.

Annäherung an den Vater

Parallel dazu gibt es eine Phase der Annäherung an den Vater. Sie hat mehrere lange Gespräche mit ihm geführt, konnte sich gemeinsam erlebte Situationen aus seiner Sicht erzählen lassen, ihm zuhören, nachempfinden, wie es ihm wohl dabei ergangen ist. Sie hat dabei herausgefunden, dass er viele Situationen ähnlich erlebt hat wie sie. Auch er fühlte sich oft zurückgestoßen, ausgeschlossen, hatte das Gefühl, den Kindern und der Frau lästig zu sein. Zwischenzeitlich hatte sie ihn als fürsorglich erlebt. Sie konnte seine Not sehen, seine Grenzen. Sie konnte besser und ohne Groll einschätzen, wozu er in der Lage ist und wozu nicht.

Der Vater, den man braucht, der Vater, den man hat. Das sind zwei verschiedene Väter. Die Bedürfnisse an ihn sind nicht falsch, auch nicht die Erwartungen. Aber der reale Vater ist ein Vater mit Grenzen und das ist traurig.

Viele Bedürfnisse kann er nicht erfüllen, viele Erwartungen enttäuscht er. Darüber trauern zu können, aber es nicht ein Leben lang mit den Partnern wiederholen zu müssen, darum geht es auch in einer Therapie.

In eine Familie wird man geboren, den Partner kann man sich aussuchen.

All das erlebt sie und hat eine Glücksphase. Sie bekommt den Studienplatz, den sie sich gewünscht hat, ein begehrtes Praktikum, bei dem sie sich bewährt, positiv auffällt und einen jungen Mann als Freund, Viktor, den sie als witzig, erfolgreich, süß, manchmal übermütig beschreibt.

Vom Wandern in den Bergen   

Dann stirbt die Mutter des Vaters und der Vater erkrankt erneut sehr schwer. Er lässt sich nicht behandeln und Jana geht es von Woche zu Woche schlechter. Sie beklagt sich über den Vater, über den Freund, über die Mutter, über die Schwester. Alle sind feindlich gesinnt, alle wollen ihr übel. Auch ich habe das Gefühl, sie nicht mehr zu erreichen.

Dann bringt sie einen Traum mit.

„Mein Vater hat mir die Zeitschrift „Psychologie heute“ über Träume geschenkt. Da steht drin, dass man seine Träume beeinflussen kann. Ich träume doch so schlecht. Was meinen Sie, kann man seine Träume wirklich beeinflussen?“

 „Welchen Traum möchten Sie denn beeinflussen?“

„Ich habe von meiner verstorbenen Großmutter geträumt. Sie lebt, und ich muss mich um sie kümmern. Sie läuft weg, sie säuft, sie ist senil, sie weiß nicht, wo sie ist, sie schreit mich an. Sie will sich von mir nicht helfen lassen. Sie schubst mich weg.“ Ich frage sie zunächst nach ihren Einfällen zu dem Traum.

„Zu dem Traum ist mir als erstes eine Episode aus ‚Sex and the city’ eingefallen. Mirandas Schwiegermutter hatte einen Schlaganfall und Miranda kümmert sich um sie. Die Schwiegermutter ist verwahrlost und soll jetzt bei Miranda leben, aber sie läuft weg, kramt in Mülltüten. Miranda ist eigentlich eine Karrierefrau, ganz auf Distanz. Sie tut sich schwer mit Gefühlen, kann eigentlich keine Gefühle zulassen. Sie wollte keine Kinder, wollte nicht heiraten. Dann kümmert sie sich aber um ihre Schwiegermutter“.

 „Meine Oma hat immer gesagt: Ich bin eure Oma. Warum besucht ihr mich nicht? Ich konnte sie aber nicht besuchen, ich habe mich so vor ihr geekelt. Wenn sie betrunken war, hat sie uns beschimpft. Am Ende hatte sie Alzheimer, hat uns gar nicht mehr erkannt. Es war nur grässlich bei ihr, und ich musste mich überwinden, dahin zu gehen.“

Diese Oma ist die Mutter ihres Vaters, sie ist Alkoholikerin gewesen, ein Schicksal, mit dem Jana hadert, das sie nicht annehmen kann, für das sie sich schämt. 

„Ein paar Tage vor diesem Traum hat sich mein Vater bei meiner Schwester gemeldet. Er wollte seine Fotoalben abholen und meine Mutter hat sie herausgesucht. Wir haben sie gemeinsam angeguckt. Es war das erste Mal, dass ich mit meiner Mutter über die Familie von meinem Vater gesprochen habe. Es gab da ein Foto von der Oma bei ihrer Hochzeit. Sie sah ganz unglücklich aus. Meine Mutter hat erzählt, dass der erste Mann der Oma, den sie geliebt hat, im Krieg gefallen ist und dass sie dann diesen Mann geheiratet hat, damit die Kinder versorgt sind.

Mir ist aufgefallen, wie wenig ich von der Familie meines Vaters weiß, wie wenig ich von dieser Familie wissen wollte. Ich wollte mich „mit denen“ nie beschäftigen, wollte mich nicht um „die“ kümmern.“

Nach einer Zeit des Nachsinnens über den Traum und über ihre Verknüpfung von Traum, Filmausschnitt und realem Erlebnis fährt sie fort:

„Miranda steht für meine Distanz und für meinen Wunsch, Nähe zulassen zu können, wie Miranda das auch allmählich konnte. Sie hat sich nie um andere gekümmert und sie hat sich dann verändert. Miranda steht für meine Hoffnung, mich zu verändern, mich zu kümmern.“

Damit verbindet  Jana die Frage, wie stark man sich auf einen anderen einlassen darf, wie gefährlich es ist, wenn man seine eigenen Interessen für einen anderen aufgibt. Jana umkreist dieses Thema mit unterschiedlichen Beispielen und da die Sitzung zu Ende geht, frage ich sie, wie sie den Traum mit der Oma verändern möchte?

„Am liebsten würde ich den Traum ohne die Oma träumen. Die Oma weglassen. Oder mir sagen, es ist ja alles nur ein Traum“.

O je, denke ich, schwankend zwischen Verständnis und innerem Kopfschütteln, das wird nicht möglich sein: Diese schreckliche Oma einfach aus dem Leben verbannen, am liebsten den Vater gleich mit. Wenn es doch nur eine Löschtaste in unserem Gehirn gebe, eine Pille, die uns vergessen macht!

Jana wünscht es sich und wünscht es sich nicht, wie dieser Traum und ihre Einfälle dazu zeigen. Der Vater als Teil von ihr macht auch sie kleiner, deshalb soll er weg. Das geht nicht, sie weiß es und ist darüber unglücklich.

Zunächst aber reagiere ich enttäuscht auf ihren Einfall, den Traum ohne die Oma träumen zu wollen.

Da waren wir doch schon mal! denke ich resigniert.

Dann fällt mir das Bild der Bergwanderung ein. Ein schönes Bild für den oft mühsamen therapeutischen Prozess: Man steigt in Serpentinen einen steilen Berg hinauf, und blickt von Zeit zu Zeit auf den Ausgangspunkt zurück. Es sieht so aus, als ob man immer wieder zu demselben Ort zurückkehrt, doch liegt der Ort jedes Mal höher. Die Aussicht verändert sich nur unmerklich, bis man plötzlich auf ein Hochplateau kommt und einen berauschenden Ausblick auf die Bergwelt hat. Auch in der Therapie scheint sich das Gleiche zu wiederholen, und doch verändert es sich allmählich und schlagartig ist dann etwas Neues da. Der Aufstieg ist langsam und mühsam. Und doch wird man immer wieder durch neue Aussichten belohnt. Und wenn man zurückblickt und den Weg sieht, den man schon gegangen ist, dann fühlt man Stolz und Freude. Über den Wolken …

Viele Patienten neigen dazu, und Jana ist eine von ihnen, nur nach oben zu schauen zu den unendlich entfernten hohen Gipfeln und zu verzweifeln, angesichts der Unmöglichkeit, diesen Gipfel mit ihren geringen, schnell erlahmenden Kräften zu erreichen. Gemessen an der Wegstrecke, die vor ihnen liegt, haben sie das Gefühl, nicht von der Stelle zu kommen. Es ist dann die Aufgabe des Therapeuten, die andere Sicht, die andere Perspektive zu eröffnen. Den Blick zurück zu wenden auf den Weg, den man schon geschafft hat, die Stationen, die kleinen Veränderungen.

An all das denke ich und daran, dass es in der Tat eine spezielle Technik bei Alpträumen gibt und so schlage ich Jana ein kleines Experiment vor:

Sie soll sich den Traum wie einen Film vorstellen oder wie ein Bühnenstück. Sie soll sich vorstellen, dass sie jetzt – ganz bequem zurückgelehnt in ihrem Stuhl -  die Oma und die Jana betrachtet, wie die da miteinander zugange sind und sich überlegen, was der Jana wohl helfen könnte, besser mit der Situation umzugehen. Was die dazu bräuchte.  

„Mehr Konsequenz!“ ist das erste, was die Jana im Stuhl der Jana im Film zuruft.  „Alle Flaschen in den Abfluss kippen! Auf den Tisch hauen: So jetzt ist Schluss“.

Jana coacht sich gerade selbst und ihr Verhältnis zum Traum verändert sich. Sie fühlt sich der Oma nicht mehr so ausgeliefert, konfrontiert sich mit ihr und besteht die Konfrontation (denken Sie an den Hundetraum vom Anfang der Therapie, an die Kraft der Wölfe, die ihr jetzt zur Verfügung steht).

„Jana“, sagt sie zum Ende der Sitzung nachdenklich, „bräuchte mehr Mut und Vertrauen, dass sie was verändern kann. Sie denkt immer noch, andere müssen sich ändern, andere müssen dafür sorgen, dass es ihr besser geht. Es geht aber darum, dass sie für sich sorgt. Dazu braucht sie Mut und Vertrauen“, bestätigt sie noch einmal mit nachdrücklichem Kopfnicken „das hilft ihr“.

Und damit liefert sie am Ende der Sitzung noch eine Traumdeutung: Sie als Jana muss sich um den verkümmerten, den bedürftigen Teil in sich kümmern.

Und: sie muss sich dabei von mir helfen lassen, meine Hilfe bei ihrer Verselbständigung nicht  zurückweisen.

Denn das bedeutet der Traum auch. In den letzten Sitzungen hat sie sich geweigert, Hilfe anzunehmen, um ihren Zustand verändern zu können. Der Appellationscharakter des „Mir geht es ja so schlecht, und ihr alle seid Schuld daran“ war so wirkmächtig, dass sie ihn  nicht aufgeben konnte.  

Achtsamkeit

Jana merkt sich wie die meisten Menschen mit schlechtem Selbstwert vom Tag meist die negativen Ereignisse. Vor allem beim Einschlafen gerät sie darüber stundenlang ins Grübeln, verstärkt, verlängert die negativen Erlebnisse dadurch, tönt die Brille, durch die sie die Welt sieht, grau ein.

Ihre Mutter sei so eine, sagt sie mir, als ich sie zum wiederholten Male darauf aufmerksam mache. Die sähe auch nur das Negative, könne nicht loben, nur kritisieren. Wenn sie ein gutes Zeugnis mit vielen Zweien nach Hause gebracht habe, habe die Mutter auf die einzige Vier gezeigt und gesagt: „Und was ist damit?“

Sie hat darunter gelitten und es übernommen.

Deshalb schlage ich ihr eine Achtsamkeitsübung vor: durch die Woche gehen.

Die positiven und die negativen Erlebnisse der Woche betrachten, ohne hängen zu bleiben, sie sozusagen wie Wolken an sich vorbeiziehen zu lassen.

Jana ist erstaunt, wie viel Positives sie in der letzten Woche, einer ganz normalen Woche, erlebt hat.

Als nächstes lasse ich sie all die positiven Erlebnisse Revue passieren, ein besonders Schönes auswählen und fordere sie auf, sich dieses Erlebnis so genau wie möglich, mit allen Sinnen vorzustellen, was sie gesehen hat, gehört, gefühlt, gerochen, wie die Stimmung war.

Sich in ein positives Erlebnis begeben, sich damit ausfüllen und aus dieser Stimmung heraus die Welt zu betrachten: Wie sieht sie aus?

„Anders“, sagt sie, „die Welt sieht weniger bedrohlich aus. Ich habe das Gefühl, ich nehme vieles zu ernst. Jetzt sieht alles so leicht aus. Was mache ich mit mir? Eigentlich mache ich das ja jeden Abend im Bett – nur mit einem negativen Erlebnis.“

Nach dieser Sitzung stellt sich Jana eine Wandtafel zusammen, auf der sie Fotos, Einladungen, Zeichnungen, Briefe aufklebt, an die sie gerne denkt, Gegenstände, die positive Erinnerungen in ihr wachrufen.

„Als ich das Brett zusammengestellt habe, habe ich gemerkt, wie ich meine eigene Stimmung beeinflussen kann – und vor allem, wie ich sie bisher immer beeinflusst habe. Ist es nicht merkwürdig, dass ich mich immer in so eine schlechte Stimmung gebracht habe?“

Feuervogel, Bettelkind

Jana kann beim Tanzen kreativ und expansiv sein. Wie wäre es, wenn sie ihren Konflikt in einer Choreografie ausdrückt: der Teil, den sie nicht leiden kann und der Teil, den sie mag als zwei Wesen, die auf der Bühne tanzend miteinander interagieren, kommunizieren: kämpfen, ringen, sich unterstützen?

„Den Kampf habe ich mir gut vorstellen können, aber ich  weiß gar nicht, wie das mit der Versöhnung gehen soll.“

Warum nicht erstmal die beiden Wesen vorstellen, sie eine Einführung tanzen lassen, sich dem Tanzen überlassen, sehen, was sich daraus entwickelt.

„Der Anteil, den ich mag: eine Gestalt aus Center Stage, einem Tanzfilm. Das Mädchen, am Anfang eher schüchtern, entwickelt sich zu einer selbstbewusst auftretenden jungen Frau in rot. Ich kann mir gut diesen selbstbewussten, energievollen Tanz in feuerrot vorstellen, ihn in der Vorstellung erleben. Eine energievolle Frau, das strahlt ihre Haltung aus.“

Jetzt der ungeliebte Anteil:

„Mit neun Jahren habe ich eine Rolle in einem Märchen getanzt. Ein versteinerter Prinz wohnt in einer elenden, verarmten Stadt. Er ist angesichts des Elends versteinert und eine Schwalbe macht ihn wieder lebendig. Die Schwalbe kommt und muntert ihn auf. Er verliebt sich in sie, aber sie muss weiterziehen.“

(Welche Entsprechung zu meinen eigenen, nicht ausgesprochenen früheren Einfällen aus der "bleiernen Zeit". Welche Allegorie auf ihre eigene Entwicklung, ihre Versteinerung und ihr allmähliches Lebendigwerden in der Therapie. Und: Auch sie wird – muss - eines Tages weiterziehen.)

„In diesem Märchen gibt es Bettelkinder. Ich habe eins der Bettelkinder getanzt: verwahrlost, schmutzig, Ruß im Gesicht, träge, entmutigt, negativ.

Das Bettelkind tanzt schwere trieselnde Bewegungen, kriechend, kraftlos, es fällt immer wieder auf den Boden, es ist wütend und trotzig.“

Die beiden Gestalten – das Bettelkind und die selbstbewusste Frau in rot -  bekämpfen sich, sie gehen abfällig miteinander um, sie kämpfen darum, wer mehr Platz auf der Bühne hat.

Wenn man dem Bettelkind Zuwendung, Liebe schenken würde, ob es sich dann entwickeln könnte?

„Da ist nur Angst. Angst, dieses verwahrloste Kind wird übermächtig, es gewinnt, es erstickt das Lebendige.“

Sie stellt sich die Annäherung vor, stellt sich vor, wie sie am Ende Arm in Arm tanzen, aber das Mittelstück, die Wandlung fehlt noch. Ob auch die Rote von dem Bettelkind profitieren könnte? 

„Sie würde mehr Ruhe finden, mehr Ausgeglichenheit. Sie müsste nicht so kämpfen.“

Es fällt Jana schwer, sich den Bildern zu überlassen, darauf zu vertrauen, dass sie im Tanz eine Lösung finden wird.

Auf der einen Seite lauert das Schreckgespenst Depression: sich gehen lassen, gar nichts tun, alles ist zuviel, und der aufreibende Kampf dagegen;

auf der anderen Seite das Schreckgespenst Manie, die ausbricht, wann?

Wenn „man sich übernimmt, sich zu sehr belastet“.

Sie steht  dazwischen gelähmt, ohne Lösung.

Das Lebendige, das Rote, kann sich erst durchsetzen, wenn ich meine Angst, manisch zu werden, verliere“.

Wie stellt sie sich vor, manisch zu werden?

„Ich habe einmal in einem Buch gelesen die Manie bricht durch belastende Ereignisse aus. Deshalb meide ich alles Belastende.“

„Was konkret heißt das für Sie? Was müssen Sie meiden?“

„Z.B. ausziehen, in eine eigene Wohnung ziehen. Mein Vater ist nach der Geburt meiner Schwester erkrankt. Deshalb ist sie auch noch gesund, ich habe die Krankheit geerbt, muss aufpassen, dass sie nicht ausbricht.“

Die Vorstellungsbilder über den Ausbruch der Erkrankung waren bisher wie eingekapselt in ihr, nicht zugänglich, haben aus dieser Einkapselung die zerstörerischen Bilder gesendet nachts in die Träume hinein, haben ihr Handeln beeinflusst, zu Schonhaltungen geführt, ihr Beschränkungen auferlegt, ihr Fesseln angelegt.

Jetzt holen wir die Schreckensbilder ans Tageslicht, schauen sie uns an - mit den intellektuellen Fähigkeiten, die sie als 19Jährige hat. Welche Schwellenereignisse hat sie in ihrem Leben bisher gemeistert? Welche Belastungen hat sie erlebt? Ist sie daran erkrankt? Wie soll das Fröhliche, Lebendige, Kraftvolle in das Manische umschlagen?

Sie probiert das die nächsten Wochen aus. Wenn sie sich freut, gibt es immer wieder die Stimme im Kopf: „Pass auf! Übertreib es nicht!“ Aber es passiert nicht mehr unbewusst. Sie achtet darauf und es verändert sich. Sie empfindet ohne Angst Freude.

Notwehr

Ausgelöst durch die Choreografie und durch die Beschäftigung mit ihrer Angst vor der Erkrankung, bringt sie in den folgenden Sitzungen eine Vielzahl von Träumen mit, in denen sie für das Bettelkind, aber auch für das Manischwerden immer neue Bilder findet. Dadurch geraten die starren Wenn-dann-Verknüpfungen in Bewegung: Jana wird expansiver, probiert mehr aus.

Der Traum

Meine Schwester war bei uns. Sie war unten an der Haustür und hat geschrieen. Meine Mutter hat gemeint, ist doch egal, ich bin aber runtergelaufen.

 Meine Schwester hatte Todesangst. Sie hat versucht, die Tür zuzudrücken. Vor der Tür stand ein autistisches Down-Syndrom- Kind, das sie abstechen wollte. Es ging hin und her. Wir haben die Tür zugedrückt, ich habe nach oben gerufen, meine Mutter soll die Polizei rufen, die hat aber nichts gemacht.

 Das Messer kam schon durch den Türspalt. Da hat meine Schwester aus Notwehr das Kind erstochen.

In dem Moment kamen die Polizei und die Feuerwehr. Ich bin rausgelaufen. Sie müssen da lang, habe ich gesagt.

Die Schwester hat gejammert: Oje, ich hab es erstochen.

Das Kind lag auf der Liege, hat die Augen aufgeschlagen und höhnisch gelacht.

Meine Schwester hat gesagt: Oh nein, es wäre besser, es wäre tot.

Ich bin weinend aufgewacht.“

Janas Einfälle zu dem Traum:

„Das Kind: autistisch: Dumm sein - so dumm wie meine Mutter -  behindert sein, verrückt sein - wie mein Vater.

Down-Syndrom: man hat ja eher Mitleid mit diesen Kindern, das Depressive ist ja auch eher mitleidenswert, das  Manische ist abstoßend. …

Der Kampf mit dem Kind hat mich an meinen Kampf mit meinem Vater erinnert, auch wenn im Traum die Schwester ihn geführt hat.

Bei der Choreografie wollte ich ja das Bettelkind loswerden und auch nicht. Das Bettelkind ist eine Verbindung mit meinem Vater. Ein Ähnlichfühlen. Das will ich vielleicht nicht aufgeben. Aber es gibt auch die Angst, dass das Bettelkind gewinnt. …

Die Mutter hat nichts gemacht: Sie unterstützt mich nicht. Sie ist selber hilflos.

Der Kampf an der Tür erinnert mich an Sitzungen, in denen etwas hochsteigen wollte und ich habe es nicht zugelassen. Ich habe die Tür zugedrückt. Die Angst, was da reindrängt.

Die Notwehr. Dass ich das Kind nicht reinlassen kann, ist Notwehr. Entweder es bringt mich um oder ich das Kind. Das Kind lässt sich nicht töten. …

Die Angst vor dem Elend, vor der Armut, vor dem Mangel, die macht mich so verbissen. Ich möchte gern lockerer werden. Aber dann denke ich an meinen Freund Viktor, wie gefährlich er lebt und mir zieht sich alles zusammen.“

„Gibt es denn nur das Entweder Oder? Verbissen oder Risiko? Kennen Sie auch Menschen dazwischen?“

 Ihr fallen Freunde ein, die das Studium lockerer angehen und trotzdem erfolgreich sind.

Aber wenn sie lockerer würde, fragt sie mich, welche Rolle hätte dann noch ihr Freund Viktor in ihrem Leben? Er passt doch so gut in das Schema.

Wenn ich mich ändere, ist dann noch Platz für ihn?

Ratten, eine Katze, die blutet

Der Traum:

„Ich sitze auf einem Spielplatz auf einer Bank und streichle Häschen, die unter der Bank sind. Plötzlich sind es lauter Rattenschwänze und ich ekle mich. Ich sehe eine Katze, wie sie die Ratten anbeißt. Jemand sagt, Hunger hat sie nicht, die macht das nur zum Spaß. Die Ratten laufen weg, und ich sehe, dass die Katze blutet, dass sie angegriffen wurde.

Der Traum war total eklig“. 

Die Einfälle:

„Das schlimmste Bild ist, wie ich die Ratten streichele und die blutende Katze. …

Als ich klein war, hatte ich eine Katze.

Es gibt ein Foto, da bin ich fünf, da sind meine Schwester, mein Vater und ich drauf. Dem Vater geht es sehr schlimm, er ist sehr depressiv, alle sehen schlimm aus, am schlimmsten aber mein Vater: eingefallen, blass, dünn, teilnahmslos. …

Ich hatte gerade ein Jahr ein Kaninchen zur Pflege, das war sehr schön. Ich habe mich gerne hingesetzt und es gestreichelt. Das hat mir gut getan. …

Die Bank erinnert mich an die Bank auf dem Spielplatz, auf dem ich als Kind war. …

Manchmal habe ich so eine Lust, Viktor zu beißen, auch wenn er versucht zu schlichten.

 Ich bin danach traurig, aber auch wütend auf mich, dass ich es nicht ändern kann.“

Das Zärtliche, Weiche, Kuschelige verwandelt sich in eklige Rattenschwänze. Die Assoziation zur männlichen Sexualität ist offensichtlich. Für Jana in dem Moment nicht. Sie beschäftigt die Frage, wer wen verletzen kann, wer Opfer ist, wer Täter. Dabei haben wir uns in den letzten Sitzungen oft mit den unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen zwischen Viktor und ihr beschäftigt. Sie möchte jemanden zum Kuscheln haben, zum Liebhaben, zum Dranfesthalten. Viktor will aber mehr. Er will Sexualität, die für sie in dem Traum eklig ist, in der Realität schwierig.

Sexualität: das ist zunächst, das Make-up könnte verlaufen, in einer fremden Wohnung schlafen und aufwachen, wie sehe ich am Morgen aus? Sexualität ist sich nackt zeigen, real und im übertragenen Sinn. Sich so zeigen können, wie man ist. Wenn er sieht, wie ich bin, liebt er mich dann noch? Liebt er mich, oder liebt er meine Fassade?

(Und was ist mit ihr? Mag sie sich so wie sie ist? Mag sie ihn so, wie er ist?)

Sexualität bedeutet Vertrauen! Vertrauen in sich. Vertrauen in den anderen. Welche Gefühle können durch die Sexualität ausgelöst werden (kann man manisch werden?) und wie geht der Partner damit um, mit Momenten, in denen man sich nicht kontrolliert?

Schwierige Fragen für sie. Schwankender Boden. Kein sicheres Land.

Bisher hat sie immer der Streit gerettet. Drohte es zu nah zu werden, gab es garantiert einen Anlass zu Vorwurf und Klage.

Je mehr wir aber genau diese Zusammenhänge beleuchten, desto mehr ist ihr der Ausweg verbaut. Also muss sie neue Lösungen finden. Der Traum ist ein Schritt auf dem Weg.  

Die blutende Katze: Während die Rattenschwänze für die männliche Sexualität stehen, symbolisiert die Katze die weibliche. Janas erste Assoziation ist: wer wird verletzt? Die Katze will die Ratte beißen, tot beißen, aber am Ende blutet sie. Die blutende Katze kann auch für das Menstruationsblut stehen, die blutende Wunde.

Das Gefühl als Frau die Verletzbare zu sein, die Freudianer würden sagen, die Kastrierte, die ihrer Macht beraubte.

Janas Assoziationen gehen in die Kindheit. Der kranke Vater. Die hilflose Mutter. Welche Bilder über das sexuelle Miteinander haben ihr die Eltern mitgegeben? Der Vater ist schwer erkrankt, die Mutter wurde depressiv, sie selber hat der Weggang des Vaters verletzt, sie hat es als im Stich gelassen werden erlebt. Ihre aktuellen sexuellen Probleme mit dem Freund bewegen die untergründigen Vorstellungsbilder über Mann und Frau, von denen eine bedrohliche Atmosphäre ausgeht. Das wird uns beschäftigen.        

Explosionen

Der Traum:

Ein nettes Essen im Wohnzimmer mit der Familie und Viktor und meiner Mutter. Es ist schön. Mit dem Essen will ich mich für mein Weihnachtsgeschenk bedanken. Plötzlich höre ich in meinem Zimmer zwei Explosionen, mein Zimmer brennt. Jemand hat einen Brandanschlag auf  mich gemacht“.

Erste Einfälle: „Viktor hat Weihnachten bei mir gefeiert. Er hat ein Geschenk von seinen Eltern mitgebracht. Ohrringe und eine Kette. … Eigentlich ging es mir Weihnachten gut – so gut wie schon lange nicht mehr. Ich hatte keinen Weihnachtsstress, hatte meine Erwartungen heruntergeschraubt. War mit der Schwester und der Mutter auf dem Weihnachtsmarkt – das war so schön, da dachte ich, auch wenn der Heiligabend jetzt schlecht wird, ist egal, das war schon so schön.“

Es entsteht eine lange Pause, in der ich über die Explosionen nachsinne; ich warte auf den Knall.

Dann fällt ihr plötzlich ein, dass der Vater sie am Abend vor dem Traum angerufen hat. Ob er vorbeikommen kann? Er hat ein Weihnachtsgeschenk für sie – ein Telefon. Sie ist skeptisch, trifft sich mit ihm aber doch  - im Hausflur. Die Mutter will nicht, dass er in die Wohnung kommt. Er hat gesagt, er will etwas gut machen, er hat sich die letzte Zeit so blöd benommen. Ob ihr das Telefon gefalle. Sie hat gesagt, eigentlich habe sie eins und es passe auch nicht zu ihrem Anrufbeantworter, eigentlich könne sie es nicht gebrauchen. Er hat sie dann noch nach dem Messer-Set gefragt, dass er ihr vor einem Monat  geschenkt hat. Es seien sehr gute Messer. Er hat gedacht, wenn sie mal auszieht, dann könne sie so was doch gebrauchen(sie hatte danach den Alptraum mit dem Monsterkind an der Tür).

Als er gegangen ist, hat sie sich ins Bett geworfen und geweint.

„Es erschreckt mich immer, ihn zu sehen, zu sehen, in was für einer Verfassung er ist. Es geht ihm besser. Die Manie klingt ab. Aber er sieht so elend aus. So runtergekommen. Seine Geschenke sind so daneben. Soll ich mich freuen, dass er an mich gedacht hat? Er ist so schrecklich krank. Warum habe ich so einen Vater? Es zieht mich immer wieder runter. Egal wie gut es mir geht.“

Für Jana kommen die Explosionen von außen. In die friedliche Atmosphäre dringt der Vater mit seiner Verwirrung und Verwahrlosung, zerstört alles. Sie kann sich nicht dagegen schützen, fühlt sich dem Vater ausgeliefert.

Gleichzeitig steht das Bild der Explosion „in meinem Zimmer“ aber auch für ihre eigene Reaktion, wenn ihr ein Mann zu nah kommt. Mit „ich explodiere“ assoziieren wir ja eher die Wut, mit „lichterloh brennen“ eher die Leidenschaft. „Lichterloh brennen“ ist für sie angstbesetzter.

Nach diesem Traum trennt sie sich eine Woche später von ihrem Freund.

In dieser Zeit des bewusst gewählten Alleinseins, fängt sie an, sich um sich zu kümmern. Sie erlebt sich unabhängig, eigenständig, macht nicht mehr die Freunde für ihre gute oder schlechte Laune verantwortlich. Sie entdeckt ihre Freude an den beruflichen Aufgaben, an ihren Erfolgen, sie werden Teil ihres Selbstbildes. Im Studium und im Praktikum kann sie  aus Fehlern neue Strategien entwickeln, und sie denkt darüber nach, wie sie das auf ihre Verhalten den Freunden gegenüber übertragen kann. Auf Drängen ihres Freundes kommt sie wieder mit ihm zusammen und erlebt jetzt eine Umkehr in der Beziehung. Jetzt sucht er die Nähe und sie hat eher das Bedürfnis nach Freiräumen, nach Zeit für sich. Das tut ihr gut. Sie erfährt nun, dass sie zu demselben Mann zwei unterschiedliche Beziehungen haben kann, dass es etwas mit ihrer Haltung zu tun hat.

Fliegen und Abstürzen

Jetzt, wo sich nicht alles um den Freund dreht, was er macht oder eben nicht, geht es endlich um sie. Die Schwester ist schon lange ausgezogen, sie lebt mit der Mutter mehr schlecht als recht zusammen. Sie möchte ausziehen. Sie kommt mit einer Liste ihrer nächsten Ziele: Ausziehen steht oben. Aber halt! Da war doch die Sache mit den Belastungen. Ausziehen gehört ganz definitiv zu den Belastungen, so Jana. Veränderung. Es gibt eine Freundin, die mit ihr zusammen ziehen möchte. Es gibt einige WGs, die sie kennt. Aber dann kommen die Zweifel. Kann sie die Mutter allein zurück lassen? Wird es überhaupt noch eine Verbindung mit der Mutter und der Schwester geben, wenn sie ausgezogen ist?

Sie nähert sich dem Thema auch in ihren Träumen an.

Traum 1

„Ich sitze im Flugzeug. Das Flugzeug stürzt ab, es ist eine Notlandung kurz nach dem Start, da es nicht richtig in die Luft kommt. Laura ist dabei. Wir sind im Wald und es dauert ewig, bis wir da abgeholt werden. Wir sollen wieder mit der Maschine fliegen. Das finde ich unmöglich. Viel zu riskant“.

Traum 2

„Ich bin mit meiner Schwester Lisa und Mama in der Ubahn. Ich soll eine große Tasche tragen. Lisa sagt, dass sie schwanger ist. Ich bin von Mama genervt, schmeiße die Tasche auf den Boden, frage mich, ob ich übertreibe und manisch werde. Immer bin ich diejenige in dieser Familie, die komisch ist.“

 Im ersten Traum gibt es kurz nach dem Start eine Notlandung.

Im zweiten wirft sie die schwere Tasche hin, die ihr aufgebürdet wurde, hält schon diesen Akt für übertrieben.

Sie will die Verantwortung abgeben, fühlt sich aber gleichzeitig schuldig. Die Schwester ist nicht nur ausgezogen, sondern sie ist im Traum sogar schwanger. Sie geht einen nächsten Schritt, sie wagt diesen Schritt, fühlt sich nicht so gefesselt wie Jana.

Für Jana ist das Thema Ausziehen belastet mit ihrer Angst vor dem Scheitern, mit der Angst vor der Erkrankung und mit der Verantwortung für die Mutter, für den Zusammenhalt der Familie. Die Mutter müsste aus der Wohnung ausziehen und der Familienmittelpunkt wäre nicht mehr da.

In diesem Traum drückt sie ihre Sehnsucht aus, unbelasteter durch ihr weiteres Leben zu gehen, unbelastet und trotzdem ohne Schuldgefühle. Eine Wegstrecke hat sie hinter sich gebracht – eine liegt noch vor ihr.

Das Bruchstück einer Therapie. Ein kleiner Ausschnitt, ungefähr vierzig Sitzungen – fokussiert auf zwei, drei Themen. Am Wendepunkt ein entscheidender Traum und eine Imagination, die in schneller Folge mehrere Träume auslöst, die Janas starke innere Bewegung, ihre Auseinandersetzung mit den Themen über die Sitzung hinaus zeigen, ihre hohe Motivation an ihren Konflikten zu arbeiten: Sie möchte einen Freund, und sie kann sich auf eine nahe Beziehung schwer einlassen; sie möchte ausziehen, und sie schreckt davor zurück; sie möchte das Leben genießen, Freude erleben und es fällt ihr so schwer.

Eine spannende, aufregende Reise ins eigene Innere, in die eigene Vergangenheit beginnt, mit der Jana ihre Traumata bearbeiten kann, ihre selbst gesteckten Ziele ansteuern, sich von den überflüssig gewordenen Fesseln(Vorstellungen, Gewohnheiten) befreien.

Die verwahrloste Großmutter, das Monsterkind, die blutende Katze, ein explodierendes Zimmer, ein abstürzendes Flugzeug. Lauter Katastrophen.

Ausdruck des inneren Erlebens einer 19-Jährigen an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

„Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft“. Der Satz von Jean-Paul Sartre ist das Motto der Jugendseite des Berliner Tagesspiegels. Jugend hat neben dem Heimweh, denn die Zukunft soll ja ihr Zuhause werden, auch Angst, ergänze ich mit dieser Geschichte.

Und die Statistik ist mit mir.

18 % der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an Depressionen, doppelt so viele Frauen wie Männer, das Erkrankungsalter ist in den letzten Jahren gesunken, was ich in meiner therapeutischer Praxis an der Zunahme der schweren frühen depressiven Erkrankungen merke - egal ob sie sich als Essstörung, als Schulverweigerung, als psychosomatische Erkrankung, als Selbstverletzung zeigen. Janas spezifische Angst habe ich in diesem Ausschnitt hauptsächlich aus ihrer Lebensgeschichte entwickelt, wobei auch sie in dieser Zeit erwachsen wird, das gesellschaftliche Umfeld ihre Ängste verschärfen oder abmildern kann. 

 

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Regina Konrad

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