Deborah

Zusammengesunken sitzt die junge Frau mir gegenüber. Sie weint still vor sich hin. „Ich könnte nur heulen. Ich bin so allein. Keiner ist für mich da.“

Vor zwei Monaten hat sie sich bei mir gemeldet.

Nachdem der Freund sie verlassen hatte, hat sie nichts mehr gegessen, alle Lebensfreude verloren, wollte nur noch sterben.

Damals haben die Adoptiveltern sie in die Klinik gebracht und der Vater, Papa sagt sie zu ihm, hat bei mir angerufen und nach einem Platz gefragt.

Und so stand sie eines Tages mit einem älteren Mann vor der Tür, der unbedingt mit ins Therapiezimmer kommen wollte.

„Sind Sie der Vater?“ „Nein, der Freund.“

Ich wende mich an Deborah: „Möchten Sie, dass er mit ins Therapiezimmer kommt?“

Sie wirkt unschlüssig.

„Haben Sie alleine Angst?“

Ein entschiedenes Nein.

Daraufhin schlage ich dem Mann vor, draußen zu warten. Deborah ist erleichtert.

Wenig später trennt sie sich von ihm.

Er war 18 Jahre älter als sie, sie hatte ihn in der Klinik kennen gelernt. Er wich nicht von ihrer Seite, begleitete sie überall hin, kontrollierte und gängelte sie. Ein Maß an Freiheitsberaubung, das sie sich gefallen lässt, das mich stutzig macht. Woher kommt das? Die Eltern seien sehr streng gewesen. Bis zu ihrem18. Lebensjahr musste sie im Winter um 16 Uhr, im Sommer um 18 Uhr zu Hause sein. Ganz früh schon gibt es die Angst, wenn ich nicht gehorche, geben sie mich zurück ins Heim. Das hat sich ihr eingegraben. Dem folgt sie. Auch jetzt. Wo sie keiner mehr zurückgeben kann.

Und: Meine Mutter hat mich weggegeben. Sie hat mich nicht geliebt. Wenn schon die eigene Mutter einen nicht lieben kann, dann kann einen keiner lieben. Ich bin schlecht.

Das ist der Hintergrund, die Folie.

„Wenn ich allein bin, dann kommen ganz trübe Gedanken in mir hoch und da ist keiner, der sie stoppen kann“, sagt sie jetzt.

„Keiner?“

„Raphael, mein bester Freund, mein Kumpel, der kann die stoppen“.

„Und? Was würde der so sagen?“

„Wie kommst du darauf, dass du ein schlechter Mensch bist?“

„Melanie, Moritz und Alex aus meiner Klasse. Die gucken mich immer so an. So als ob ich ganz doof wär.“

„Das sind drei. Was sagen die anderen in der Klasse? Was sagen deine Freunde und deine Freundinnen? Was sage ich?“ 

„Aber Dominik und Luis und Paul haben auch gesagt, dass ich schlecht bin.“

„Weil du dir Freunde aussuchst, die dich schlecht behandeln. Such dir andere Freunde aus.“

Ich lasse mir aufzählen, wer außer Raphael noch so mit ihr redet. Und sie kann vier, fünf gute Freunde aufzählen. „Und sie? Wie steht es mit Ihnen? Wie reden Sie mit sich?“

„Ich werde einfach nur überrollt davon. Wenn ich allein bin, stürzt die Gedankenflut über mich, wird zum Orkan und wütet in meinem Kopf.“

Ich lasse sie den Dialog mit Raphael aufschreiben.

Die Antworten von Raphael hat sie kreiert.

Das spiegele und markiere ich.

Sie sind verfügbar.

Nicht immer, aber hier und jetzt.

Ein Anfang für einen hilfreichen inneren Dialog.

Zuerst im Therapiezimmer ausprobiert und eingeübt, steht er ihr später auch in schwierigen Situationen zur Verfügung.

Der nächste Freund ist endlich ein netter, er hat ähnliche Selbstwertprobleme wie sie und so kann sie ihn ermutigen, ihn immer wieder aufbauen, was auch zu einem besseren Selbstwertgefühl bei ihr führt.

 

Psychotherapeutische Praxis

Regina Konrad

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