Meine liebe Kleine,

in der letzten Zeit habe ich oft an dich gedacht, anders an dich gedacht als noch vor zwei Jahren.

Früher warst du mir lästig, ich wollte dich loswerden, du solltest in meinem Leben keine Rolle mehr spielen.

Mops hat Papa gesagt, mein süßer kleiner Mops. Wie ich das gehasst habe! Ich wollte kein Mobs mehr sein. Mobs - das war für mich faul, dumm, gefräßig. So wollte ich nicht mehr sein. Das bin ich nicht, hab ich mir gesagt. Ich bin jemand anders: ich bin schlank, gertenschlank und diszipliniert, beliebt. Alle mögen mich - dann. Und die Komplimente die erst Zeit: Du hast ja jetzt eine tolle Figur. Selbst Mama war die erste Zeit voll des Lobes. Keine heimliche Schokolade mehr... Bis sie mitkriegte was los war, war es schon zu spät. Ha, darüber freue ich mich heute noch.

Neulich habe ich alte Bilder geguckt. Marie und ich spielen miteinander. Was haben wir für verrückte Sachen gespielt! Ich bin ganz traurig geworden. Diese Unbeschwertheit.

Und dann das Gymnasium. Peng – da war alles vorbei.

Die Angst. Du schaffst es nicht. Ich hab nur noch gelernt – und nichts mehr gegessen. Und wollte mit dir nichts mehr zu tun haben. Aber jetzt merke ich, dass du zu mir gehörst. Und das ist gut so.

Es gibt eine strenge, alte, hagere Frau mit einem verbitterten Gesicht, steile Stirnfalte, zusammengekniffener Mund, die war lange meine Freundin, hatte die Oberhand, hat mir alles verboten und ich war einverstanden. Ich hatte mich für sie entschieden und gegen dich.

Was für ein einsames, freudloses Leben, denke ich heute.

Der einzige Kick, die eine kleine kurze Freude: Wenn ich eine Klausur zurückbekommen habe: 15 Punkte. Ansonsten um 9 Uhr ins Bett, um sechs Uhr raus und  für die Schule lernen.

In letzter Zeit wieder Klavier.

Da habe ich auch angefangen, wieder an dich zu denken.

Die Musik hat mich zu dir hingetragen.

Ich möchte dich wieder in mein Leben lassen.

Denn da gehörst du hin.

Deine Lebendigkeit, deine Unbeherrschtheit, dein Jauchzen und Lachen, all das will ich wieder haben. Ich will dich nicht mehr weghungern.

Ob ihr beide mit mir leben könnt?

Ob ich mit Euch beiden leben kann?

Diese harte Frau und du - Mobbelchen?

Ob? Wie?

Mal sehen

Deine Anja

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