Der Kardiologe Dr. Oliver Ameisen beschreibt in seinem berührenden Buch "Das Ende meiner Sucht" zunächst das Hineingleiten in die Sucht.

Anfänglich trinkt er in sozialen Situationen, z.B. wenn er auf Partys zur Unterhaltung der Gäste Klavier spielt. Eigentlich gehemmt, möchte er locker erscheinen, beeindrucken, fühlt sich aber wie ein Hochstapler.

Der Alkohol beruhigt ihn, er fühlt sich angenehm entspannt, er nimmt seine Ängste nicht mehr wahr.

Als er sich dann als Arzt selbständig macht, werden die Versagensängste größer und mit den Ängsten die Alkoholmengen, die er jetzt nicht mehr steuern kann.

Aber lesen Sie selber.

Ein kleiner Auszug aus dem Buch:

Anfänglich beschreibt er, wie er über eine Freundin einen Kreis von Diplomaten kennen lernt und zu deren Partys eingeladen wird.



 

"Allein die Anwesenheit auf Murats Partys machte mir zu schaffen, ich fühlte mich unbehaglich und schüchtern. Ich bemühte mich, die Fassade zu wahren und wie die anderen Gäste leichthin zu plaudern, aber innerlich lagen meine Nerven blank. Ich stellte fest, dass ein oder zwei Gläschen Scotch - ich verabscheute den Geruch und musste mir fast die Nase zuhalten, damit ich sie runterschlucken konnte - erstaunlich entspannend auf mich wirkten. Der Alkohol beruhigte mich in einer Weise, wie es den Benzos nie gelungen war, und ganz ohne deren unangenehme Nebenwirkungen. Der Scotch tat auch meinem Selbstbewusstsein gut. Ich fühlte mich ruhig, aufgeschlossen, wach und durch und durch wohl. Ich konnte angeregt mit einem vollkommen fremden Menschen plaudern.

...

Und so wurde ich zu einem gelegentlichen, maßvollen sozialen Trinker und blieb es viele Jahre lang.

 

Nach dem Wechsel in die private Praxis hatte ich zum ersten Mal in meinem Arbeitsleben kein geregeltes Einkommen, und ich machte mir wachsende Sorgen um das Geld, als meine Praxis sich über Monate nur gerade eben trug. Ich machte mir auch Gedanken über mein Alter. Inzwischen war ich über vierzig und fürchtete, mir könnte die Zeit davonlaufen, zu heiraten und Vater zu werden. Ich dachte, ich würde womöglich nie ein ausreichendes Einkommen erzielen, um eine Familie unterhalten zu können. Oder um den Lebensstil finanzieren zu können, den mein Vater uns als erfolgreicher Geschäftsmann hatte bieten können.

Darüber hinaus fürchtete ich, alles zu verlieren, zu verarmen und obdachlos zu werden.

 

Die Angst kann an jede Vorstellung andocken, ob rational oder irrational, und eine Feedback-Schleife daraus machen, die sich in Intensität und Irrationalität immer weiter steigert. Wenn die Schleife nicht früh genug unterbrochen wird, kommt man gegen die Angst und das Entsetzen nicht mehr an. Die Angst nimmt gar nicht unbedingt eine konkrete Form an, sondern besteht eher aus einem überwältigenden Gefühl, dass etwas Schreckliches geschehen wird.

Bis dahin waren  meine Ängste eine Art Hintergrundgeräusch gewesen, das ich für Tage oder sogar Wochen, aber nie komplett abschalten konnte. Von Zeit zu Zeit flackerte es auf, verschwand dann aber wieder dank einer Änderung der Situation oder eines Medikaments wie Tranxene oder Valium. Aber im Laufe der nächsten zwei Jahre  wurde meine Angst immer mehr zu einer störenden Ablenkung, und ich konnte sie nicht mehr herunterregeln.

 

Ich bekam lähmende Panikattacken, bei denen ich den Verstand zu verlieren glaubte. Die Attacken begannen scheinbar harmlos mit einem Zittern der Wadenmuskeln. Ein solches Zittern von Muskelfasern oder Faszikeln nennt man gutartige idiopathische Faszikulationen; ein häufiges Beispiel ist das Flattern eines Augenlids. Die Faszikulationen sind gutartig, weil sie keinen Schaden darstellen und verursachen, und idiopathisch, weil es keinen benennbaren Grund dafür gibt. In meinen Angstphasen wurden sie jedoch so schlimm, dass es sich anfühlte, als hätte ich Würmer unter der Haut. Die nächsten Symptome waren ein Engegefühl in der Brust und inneres Zittern. Mir war, als könnte ich nicht atmen und müsste ersticken.

Und dann überrollte mich unaufhaltsam die Panik.

 

Ich ging bereits zu einem Psychotherapeuten, und der verwies mich an einen Psychopharmakologen, der alle möglichen Medikamente in unterschiedlicher Dosierung bei mir ausprobierte. Nichts half.

 

Erschöpft durch den wachsenden Stress, steigerte ich die Dosis der einzigen Droge, die mir Erleichterung verschaffte: Alkohol. Es war ein Teufelskreis. Je mehr ich trank, um meine Angst zu lindern, die Panik zu betäuben, die belastende Schlaflosigkeit loszuwerden, desto mehr musste ich die Dosis steigern, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

 

An dem Punkt hörte der Alkohol auf, ein Mittel zur Entspannung zu sein, und wurde zu einem Selbstzweck. Ich hielt den Morgen durch und bis gegen Mittag. Aber jeden Nachmittag wallte das Verlangen nach Alkohol in mir auf wie eine steigende Flut. Ich widerstand, so lange ich konnte, einen Tag, zwei Tage, manchmal eine Woche oder länger, aber irgendwann erwischte es mich, und ich trank mich in einen Rauschzustand.

 

Ich war wie eine Zeitbombe. Dass ich im August 1997 mit akuten Anfällen infolge Alkoholentzugs, die mich beinahe umbrachten, ins New York Hospital kam, war schrecklich - und zugleich eine große Erleichterung. Ich dachte: Ich muss mein Trinken nicht mehr verstecken. Jetzt bekomme ich die richtige Behandlung, und alles wird gut."

Aus: Oliver Ameisen: Das Ende meiner Sucht. München 2009. 47-49

 

 

Auch der Schriftsteller und Pulitzer Preisträger William Styron beschreibt in seinem Buch "Sturz in die Nacht", wie er lange über seinen Alkoholkonsum seine Ängste in Schach halten konnte, aber dann, als er den Alkohol von einem Tag auf den anderen nicht mehr vertrug, die Ängste plötzlich mit voller Wucht über ihn hergefallen sind und mit den Ängsten Depressionen und Selbstmordgedanken.

Auch hier ein kleiner Auszug:



 

"Wie so viele amerikanische Schriftsteller, deren manchmal tödliche Abhängigkeit vom Alkohol selber wieder einen Strom von Untersuchungen und Büchern hervorgebracht hat, benutzte ich Alkohol als magischen Weg zu Phantasie und Euphorie und zur Steigerung der Einbildungskraft.

 

Es ist hier nicht notwendig, den Gebrauch dieses tröstlichen, oft reizenden Partners, der zu meinem Schreiben so viel beigetragen hat, zu bereuen, ich kann ihn aber auch nicht verteidigen; obwohl ich keine einzige Zeile unter Alkoholeinfluss geschrieben habe, gebrauchte ich ihn doch ‑ oft in Verbindung mit Musik ‑, um in meinem Kopf Bilder entstehen zu lassen, die einem unveränderten, nüchternen Gehirn nicht zugänglich sind. Alkohol war als nicht ganz stiller Teilhaber von unschätzbarem Wert für meinen Intellekt, außerdem ein Freund, dessen Hilfe und Unterstützung ich täglich suchte ‑ schon allein deshalb, wie ich jetzt weiß, um so meine Angst und das beginnende Grauen einzudämmen, die ich irgendwo in den Verliesen meines Geistes so lange hatte verstecken können.

 

Das Problem bestand zu Beginn jenes Sommers darin, dass ich im Stich gelassen wurde. Es traf mich ganz plötzlich, beinah über Nacht: Ich konnte nicht mehr trinken. Als hätte sich mein Körper im Protest erhoben und mit meinem Geist verschworen, dieses tägliche Stimmungsbad zurückzuweisen, das ihm so lange willkommen war und das er ‑ wer weiß? ‑ inzwischen vielleicht sogar brauchte.

 

Diese Erfahrung haben viele Trinker beim Älterwerden gemacht. Ich habe den Verdacht, dass die Krisis zumindest teilweise stoffwechselbedingt war ‑ die Leber rebellierte, als wenn sie sagen wollte: „Nichts mehr, nichts“, jedenfalls merkte ich, dass mir Alkohol schon in kleinsten Mengen, sogar schon ein Mundvoll Wein, Übelkeit verursachte, eine verzweifelte, unangenehme Benommenheit, das Gefühl zu versinken und schließlich heftigen Ekel. Der trostspendende Freund hatte mich nicht allmählich und zögernd verlassen, wie das ein wahrer Freund getan hätte, sondern blitzschnell ‑ und ich war buchstäblich aufgelaufen und dabei ohne Halt.

 

Zum Abstinenzler hatte mich nicht meine Willensstärke gemacht; ich hatte keine andere Wahl: Die Situation verstörte mich, sie war aber auch traumatisch, und ich datiere den Ausbruch meiner Stimmungsstörung auf den Beginn dieses Entzugs. Nach den Gesetzen der Logik hätte ich überglücklich sein müssen, dass der Körper eine Substanz so rasch zurückwies, die meine Gesundheit untergrub; es war, als hätte mein Organismus eine Art Disulfiram entwickelt, das mir erlaubte, fröhlich meinen Weg zu gehen, vollauf zufrieden damit, dass ein Trick der Natur mich aus einer schädlichen Abhängigkeit befreit hatte.

 

Stattdessen befiel mich eine vage beunruhigende Krankheit, das Gefühl, dass in dem gewohnten Universum, in dem ich so lange und so bequem gelebt hatte, etwas schiefgelaufen war. Obwohl es nicht ungewöhnlich ist, dass sich eine Depression meldet, wenn man mit dem Trinken aufhört, ist sie in ihrem Ausmaß doch nicht bedrohlich. Deshalb sollte man aber nicht vergessen, wie verschieden die Gesichter der Depression sein können.

 

Zunächst war es nicht besonders alarmierend, weil die Veränderung fast unmerklich vor sich ging, doch beobachtete ich immerhin gelegentlich einen atmosphärischen Wandel in meiner Umgebung: Die Schatten der Dämmerung schienen düsterer, der Morgen war weniger heiter, Spaziergänge in den Wäldern wurden weniger schwungvoll, und während meiner Arbeitszeit am späten Nachmittag gab es einen Moment, wo mich, für wenige Minuten nur, eine Art Panik und Angst überkam, die von einem unguten Gefühl in den Eingeweiden begleitet war ‑ solche Anfälle waren zumindest ein klei­nes Alarmzeichen. Jetzt, beim Niederschreiben dieser Erinnerungen, wird mir bewusst, dass mir hätte klar sein müssen, wie sehr ich bereits in die Gewalt einer Stimmungsstörung geraten war, doch zum damaligen Zeitpunkt hatte ich nicht die leiseste Ahnung von meinem Zustand.

 

Wenn ich über die seltsame Veränderung meiner Gefühle nachdachte ‑ und sie erstaunte mich immerhin so, dass ich es von Zeit zu Zeit tat, setzte ich voraus, dass alles irgendwie mit meinem erzwungenen Verzicht auf den Alkohol zu tun hatte. Und natürlich war das bis zu ei­nem gewissen Grad auch richtig. Heute jedoch bin ich überzeugt, dass mir der Alkohol einen üblen Streich spielte, als wir einander Lebe­wohl sagten: Obwohl er, wie jedem klar sein sollte, erheblich depressionsfördernd wirkt, hat er mich während meiner Trinkerlaufbahn nie regelrecht depressiv gemacht, sondern eher wie ein Schutzschild gegen die Angst gewirkt.                                                                                                                                                                                                                                        Nun, Nun plötzlich verschwunden, konnte der große Verbündete, der so lange meine Dämonen in Schach gehalten hatte, diese Dämonen nicht mehr daran hindern, durch mein Unbewusstes zu schwärmen, und ich blieb emotional nackt zurück, verwundbar, wie ich es nie zuvor gewesen war. Ohne Zweifel hatte die Depression schon seit Jahren über mir geschwebt und auf einen geeigneten Moment gelauert, um endlich zuzustoßen. Jetzt befand ich mich im ersten Stadium des schwarzen Orkans der Depression eine Warnung, wie ein Wetterleuchten, das man kaum wahrnimmt."

 

 

William Styron: Sturz in die Nacht. Ullstein. Berlin 2010. 62-67

 

Viele Jugendliche bewältigen ihre Ängste mit mannigfachen Drogen.

Allen voran Cannabis.

Aber auch bestimmte Formen von Magersucht habe ich als eine Form der Angstbewältigung erlebt:

Wobei mit der Magersucht die Angst vor dem Erwachsenwerden, vor der ungewissen Zukunft oder vor dem Frauwerden abgewehrt werden soll.

Sie suggeriert der jungen Frau, die sich zutiefst abhängig fühlt, ich bin stark, ich bin unabhängig. Nur so kann ich die Zukunft bewältigen.

Angststörungen weisen eine hohe Komorbidität mit depressiven Störungen(s.Styron) und Substanzmittelmissbrauch auf(vor allem Alkohol- und Drogenabhängigkeit, aber auch Medikamentenmissbrauch). 

Psychotherapeutische Praxis Regina Konrad

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