Es hat sich überhaupt nichts geändert!

 

Die Gespräche mit den Eltern der 17jährigen Anna

 

„Es hat sich überhaupt nichts verändert“. Traurig und vorwurfsvoll schaut mich der Vater an. Die Mutter nickt dazu. Anderthalb Jahre kommen sie nun hierher und das Kind wiegt immer noch zu wenig. Jede Woche wird sie gewogen und mir werden am Anfang der monatlichen Elterngespräche zunächst die niederschmetternden Ergebnisse präsentiert: 50,2 Kilo.

 

Der Vater ist ein behäbiger, gutmütiger Mann. Ein wenig sieht er wie ein trauriger Bernhardiner aus. Die Mutter sieht Anna ähnlich. Sie ist mittelgroß, schlank, hat braune kurze Haare. Sportlich. Eher still. Sie kommt im Schlepptau des Mannes. Er ist der Macher. Selber übergewichtig, ist er mit Gewicht und Essverhalten der Tochter beschäftigt.

Seit Anna von einem dreimonatigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt ist und nur noch 42 Kilo wog, hat er jede Mahlzeit mit ihr zusammen gesessen und gegessen. Er hat sie so auf 48 Kilo hochgebracht. Einmal die Woche wiegt er sie. Er selber bezeichnet sich als ihr Coach. Er wirkt stolz auf diese Leistung und es ist ihm sehr wichtig, dass ich diese anerkenne.

 

Im Erstgespräch berichtet er mir über Annas erste Jahre: Anna sei als Kind sehr schüchtern und verhalten gewesen. Sie habe sich weniger getraut als andere Kinder, was ihm früh große Sorgen bereitet habe. Aus Angst vor Zurückweisung habe sie sich nicht verabredet. Er habe alles für sie übernommen, Verabredungen arrangiert, Hindernisse aus dem Weg geräumt. Noch nicht einmal zu dem kleinen Laden an der Ecke sei sie gegangen, lieber habe sie auf die Süßigkeiten verzichtet. Er habe die Tochter immer zu expansiverem Verhalten ermuntert, gedrängt, so auch zu dem Auslandsaufenthalt.

 

Als eine Ursache für den Ausbruch der Erkrankung sieht der Vater den Ernährungskundeunterricht in der Schule.

Sie hätten über gute und schlechte Nahrung gesprochen und Anna habe sich das sehr zu Herzen genommen.

 

Bisher hat nur der Vater gesprochen. Die Mutter sitzt daneben, lächelt mich an, sagt aber nichts. Jetzt wende ich mich an sie, interessiere mich für ihre Sicht, ermuntere sie. Sie wirkt schüchtern auf mich, dabei freundlich und zugewandt. Umso erstaunter bin ich, wie heftig sie wird, als sie über Anna spricht.

In ihren Augen ist Anna zu diszipliniert. Sie kann wenig genießen, schlägt nie über die Stränge, trinkt keinen Alkohol, geht auf keine Party, ist sehr rigide, hat nur eine feste Freundin, an der sie klebt, die sie oft hängen lässt. Sie hat keinen Freund. An Jungen ist sie gar nicht interessiert. Sie nimmt mit ihrer Erkrankung sehr viel Raum in der Familie ein.

Die jüngere Schwester schildert die Mutter als durchsetzungsstarkes Mädchen, sehr beliebt und unternehmungslustig. Die Mutter vermutet, Anna rivalisiere mit der Schwester, fühle sich ihr unterlegen.

Die Mutter wirkt verzweifelt auf mich, aber auch gekränkt. Der Tochter habe immer geschmeckt, was sie gekocht habe. Jetzt weist sie die Nahrung der Mutter zurück. Einkaufen gehen und für die Familie kochen, ist für die Mutter wichtig. Das gemeinsame Essen hat einen hohen Stellenwert in der Familie. All das macht Anna mit ihrer Weigerung, ausreichend und gern zu essen, kaputt. Sie ist mittlerweile so mager, dass die Mutter von Bekannten angesprochen wird. Das Bild der heilen Familie wird beschädigt. Während ich der Mutter zuhöre, spüre ich ihre Hilflosigkeit, aber auch ihren Ärger, Ärger auf Anna und den Ehemann. Er verbringt viel Zeit mit der Tochter, denke ich, sie scheint für ihn die Nummer eins zu sein. Monate später und mutiger geworden, sagt mir die Mutter einmal: Wenn er nach Hause kommt, ist seine erste Frage: „Hat sie schon gegessen?“

 

Er ist also mit dem abgemagerten Körper der Tochter beschäftigt. Musste der weibliche Körper zerstört werden, damit der Vater weiter mit seiner Tochter beschäftigt bleiben konnte? Väter ziehen sich manchmal in der beginnenden Pubertät aus der engen Beziehung mit den Töchtern zurück, was von diesen als kränkend erlebt wird. Ob das hier ähnlich war?

Die Mutter jedenfalls erlebt sich aus dieser engen Vater-Tochter-Beziehung ausgeschlossen und verbündet sich mit der jüngeren Tochter, mit der Gesunden, die anscheinend all das verkörpert, was die Mutter selber nicht leben kann – vor allem Durchsetzungsfähigkeit.

Bescheiden sein und sich durchsetzen können, die eigenen Bedürfnisse hintanstellen und für sie eintreten – hier scheint ein Widerspruch auf. Werden von den Eltern widersprüchliche, sich gegenseitig ausschließende Ideale propagiert? Ist das Symptom eine Möglichkeit des Kompromisses? Wo kommen diese Ideale her? Welche Erfahrungen haben die Eltern selber mit dem Bescheidenseinmüssen gemacht?

Ich fange an, mich für ihre Lebensgeschichte zu interessieren.

Vater und Tochter scheinen über die Krankheit die Familie zu dominieren. Die Krankheit gibt ihnen also die Erlaubnis, etwas zu tun, was sonst in dieser Familie verboten ist: Raum einnehmen.

Die jüngere Tochter wird von der Mutter idealisiert. Sie scheint Eigenschaften zu besitzen, die die Mutter gerne hätte oder sie werden ihr zugeschrieben.

Ich werde hellhörig, wenn es so gegensätzliche Zuschreibungen in den Familien gibt. Die eine ein Sonnenschein und die andere die Pechmarie. Meistens kippen diese Zuschreibungen im Verlauf der Therapie. Je expansiver der „Indexpatient“ wird, desto gefährdeter erscheinen die Geschwister. Es muss ein Gleichgewicht, eine Balance gehalten werden. Veränderungen werden in sehr harmoniehungrigen Familien oft als bedrohlich erlebt, weil ein mühsam erreichtes Gleichgewicht immer wieder neu hergestellt werden muss. Veränderungen erfordern Flexibilität. Dazu brauche ich Selbstvertrauen, ein gutes Verhältnis zu meinen Bedürfnissen. Klaffen meine Werte und Normen und meine Bedürfnisse zu stark auseinander, wird es mit den Bauchentscheidungen schwierig. Ich habe wenig Richtschnur.

 

Ich frage die Eltern nach ihrer eigenen Geschichte.

Der Vater erzählt nun von seiner herzkranken Mutter, die die Familie mit der Erkrankung tyrannisiert hat. Man musste sie schonen. Sie stirbt plötzlich, kippt einfach um während einer Familienfeier. Er ist zu dieser Zeit 23 Jahre alt.

Als ich einwerfe, dass er sich dann ja im Umgang mit gefährdeten Kranken gut auskenne, weint er und sagt, ja, er wisse, dass er leicht erpressbar sei.

Nach dem Tod seiner Mutter pflegen die Eltern den Vater des Vaters. Erst als er auf einer Kur eine neue Lebenspartnerin findet, können die Eltern aus der Geburtsstadt wegziehen – nach Berlin.

Die Mutter weint, als mir der Vater diese Geschichte erzählt, und sagt auf meine Nachfrage, sie weint, weil sie damals so jung gewesen sei und soviel zurückstellen musste. Als sie weint, wendet sich der Vater ihr zu und tröstet sie, tätschelt ihr den Arm. Das wirkt fürsorglich und bezogen.

In den letzten fünf Minuten erzählt die Mutter dann noch kurz die eigene Geschichte. Sie ist die Älteste von vier Kindern. Der Vater war Handwerker, die Mutter Hausfrau. Die Atmosphäre zu Hause war karg. Es gab wenig Zärtlichkeiten. Nach der mittleren Reife macht sie eine Ausbildung als kaufmännische Angestellte. Mit 16 lernt sie ihren Mann kennen, pflegt mit ihm zusammen 19jährig sechs Jahre lang seinen kranken Vater.

Sie hat also ihre Jugend dem vermeintlichen Familieninteresse geopfert. Hat sie diese Werte, ohne es zu wollen, an die Kinder weitergegeben?

Er ist mit viel Dramatik aufgewachsen, mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung der Mutter, der sich alle unterordnen mussten, die zu ihrem plötzlichen Tod führte.

Hier werden erste Muster erkennbar. Annas Erkrankung scheint Dramatik in ein eher spannungsarmes Leben zu bringen, in dem Konflikte nicht offen ausgetragen, eigene Wege nicht gegangen werden dürfen.  

Der Vater arbeitet als wissenschaftlicher Angestellter. Er ist viel zu Hause. Die Mutter ist seit der Geburt der ältesten Tochter Hausfrau.

Die Eltern erscheinen als fürsorgliche Eltern, auf ihre Kinder bezogen. Sie wirken weniger als Paar. Das wird schwierig, wenn die Kinder in die Pubertät kommen und sich anfangen zu lösen. Die Eltern müssen wieder zu einem Paar werden, ihre Beziehung zu einander neu entdecken.

 

Nach diesem ersten gemeinsamen Gespräch meldet sich der Vater zunächst sporadisch und kommt alleine. Meist steht eine Entscheidung an, und er wünscht sich von mir, dass ich ihn berate, dass möglichst ich die Entscheidung treffe, die Verantwortung übernehme und ihn entlaste. So z.B. die Sommerreise von Anna nach Spanien. Er möchte sie fahren lassen, hat aber Angst, dass sie wieder abnimmt. Er sitzt jede Mahlzeit neben der Tochter, spricht mit ihr. Sie schaffe es doch nicht alleine. Er möchte die Fahrt koppeln. „Nur wenn du so und so viel wiegst, darfst du fahren“, als Anreiz, als Motivation.

 

Nach diesen Ferien kommen die Eltern gemeinsam, nachdem ich die Frau am Telefon dazu ermuntert habe. Ich möchte die Eltern als Paar stärken.

Die Frau berichtet, wie viel Raum Anna mit der Störung in der Familie einnehme, der Mann sei nur auf sie ausgerichtet. Sie weint. Seit Anna jetzt abends schon mal wegginge, liege er solange wach, bis sie nach Hause komme.

Es gibt also Konflikte zwischen den Eheleuten, die nicht offen ausgetragen werden dürfen.

Sie verpetzt ihn bei mir, möchte, dass ich sie gegen ihn unterstütze.

Zur nächsten Sitzung kommt er und hat Rückenschmerzen.

Ich biete ihm meinen Stuhl an.

„Ich kann nichts annehmen“, sagt er.

Und ist sofort bei Anna.

Es darf also nicht um ihn gehen. Es soll sich nur um das Essverhalten der Tochter drehen.

Er will die Themen vorgeben und die Kontrolle behalten.

Mit ihrem Essverhalten bringt die Tochter Bewegung in das scheinbar harmonische Familienleben. Mit ihrem abgemagerten Körper klagt sie an, ohne anzuklagen.

Sie zeigt, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Aber was?

Und: Dürfen wir darüber reden?

All die Zahlen und die permanente Dramatik – zerstören sie nicht auch hier in der therapeutischen Sitzung den Raum zum Nachdenken, Nachspüren, Erfassen der familiären Dynamik.

Wird hier etwas verhindert, was gleichzeitig eingeklagt wird – Veränderung.

 

 

Dann gibt es eine wichtige Sitzung kurz vor Silvester.

Es geht darum, dass die Frau Silvester auf ein Fest bei Freunden gehen möchte, Anna aber noch nicht weiß, wohin sie gehen kann.

Der Vater sagt, wenn die Tochter zuhause bleibe, würde auch er zuhause bleiben, er könne sie doch nicht Silvester allein zuhause lassen.

Die Mutter sagt, dann gehe sie eben alleine weg.

Die Tochter habe kaum Freunde, fährt sie fort. Sie habe mit ihr gesprochen, über sich Verlieben und Rumknutschen, über Jungen und wie schön das doch sei.

Es ist ein Gespräch über Anna zwischen der Mutter und mir.

In dem es auch um die Sehnsüchte der Mutter geht, um ihre eigene karge Jugend voller Aufopferung und Disziplin, die nun die Tochter wiederholt.

„Warum tut sie das?“ fragt sie mich unter Tränen.

„Sie hat doch alle Möglichkeiten“.

Der Vater sitzt fast unbeteiligt daneben.

Am Ende fängt er wieder mit dem Essen an. Wie viel Anna wann gegessen habe und wie viel nicht. Er scheint darauf fixiert zu sein.

Ich merke, dass er mich in seiner Behäbigkeit, in seinem Kleben, seinem Glucken sauer macht.

Ich möchte ihn ein wenig aufscheuchen, Bewegung in diese Starre bringen.

Ich sage: „Sie klammern!“

Er sagt trotzig: „Es ist aber wichtig, dass ich mit ihr esse“.

Und: „Das lasse ich mir nicht nehmen“.

Er kann mich nicht mehr angucken, als er geht.

Ich sage mir: „Achtung. Er ist gefährdet. Ein über die Erkrankung mühsam gehaltenes Gleichgewicht gerät zu früh ins Wanken.“

Es gibt einen Grundsatz in der Psychotherapie: Nichts wegnehmen, nur zufügen. Also: Was braucht er, um die zwanghafte Beschäftigung mit der Tochter aufgeben zu können? Was könnte ihm helfen?

Welche Konflikte muss ich mit ihm bearbeiten, welche mit der Mutter, damit Anna sich lösen kann, unbelastet von den Konflikten der Eltern ihren Weg gehen kann? Und wollen das die Eltern überhaupt: Ihre Konflikte bearbeiten? Schließlich kommen sie wegen dem Essverhalten der Tochter zu mir.

Zudem muss ich in den Sitzungen mit den Eltern auf ihrer Seite bleiben, es wird schwierig, wenn ich mich zu sehr auf Annas Seite schlage, stellvertretend für sie ihre vermeintlichen Interessen gegenüber den Eltern vertrete. Damit würde ich im Grunde nur das Verhalten des Vaters wiederholen. Es ist eine ziemliche Gradwanderung.

 

Und so gibt es nach dieser Sitzung zwischen dem Vater und mir ständig Rangeleien.

Je mehr ich ihn bewegen will, seine Obsession in Richtung Essen, Wiegen, Körper der Tochter aufzugeben, desto besessener wird er.

Dauernd hat er irgendetwas auf einer Website gelesen, belehrt mich, was ich sagen darf und was nicht: „Sagen Sie bloß nicht, sie sähe gut aus, das hat einmal die Ärztin gemacht und dann hat sie eine Woche lang nichts gegessen“.

Er schleppt ein Buch an von einer Mutter in Kanada, die eine erfolgreiche Klinik aufgemacht hat, weil keiner die Essprobleme ihrer Töchter behandeln konnte.

Er demonstriert mir: Es wird immer schlimmer, seitdem Anna bei mir in Therapie ist.

Und: Ich bin doch der bessere Therapeut.

„Es hat sich überhaupt nichts geändert“, wird zu seinem Standardsatz.

Maßstab ist Annas Gewicht. Ich werde grammweise informiert/konfrontiert, in Angst und Schrecken versetzt.

Mittlerweile haben sich die Eltern wieder gegen mich verbündet.

Bis zum Ausbruch von Annas Erkrankung seien sie eine ganz normale, fröhliche Familie gewesen. Ihr Verhalten als Eltern ergebe sich aus der Krankheit und nicht umgekehrt die Krankheit aus ihrem Verhalten.

„Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen“, sagt der Vater, als ich das wöchentliche Wiegen in Frage stelle.

Sie geben mir das Gefühl, dass ich das Ausmaß der Störung nicht erkenne.

Der Vater: „Wir haben ja 6 Monate gebraucht, bis Sie erkannt haben, dass eine Essstörung vorliegt“.

Es werden Vergleiche mit der Heroinsucht gezogen. „Sie schafft es da nicht alleine raus“, sagt der Vater.

„Wenn Sie wüssten, was wir zuhause durchmachen“, sagt die Mutter.

Meistens ist die Sitzung mit den Eltern freitags und bis Montag, wenn ich Anna sehe, habe ich schon manch Wochenende verbracht mit Zweifeln, Ängsten, Bildern von schrecklichen Katastrophen, an denen ich schuld bin.

 

Gleichzeitig wirken meine Interventionen.

Die Eltern fahren allein in Urlaub.

Anna darf alleine essen, soviel wie sie möchte, möglichst ohne Kontrolle(was nicht ganz klappt), sie wird nicht mehr gewogen. Sie darf ohne Vorbedingungen verreisen.

Der Mutter wird das Recht eingeräumt, nach eigenem Gefühl auf die Tochter zu reagieren. Jedem wird in der Familie ein Raum zugestanden, jeder darf Grenzen ziehen, nicht nur der Kranke. Jeder hat das Recht, seine Gefühle zu äußern.

Und: Anna wird zuhause laut. Sie schreit, sie wirft Teller gegen die Wand, sie beschimpft ihre Mutter.

Schrittweise gelingt es ihr, sich vom Elternhaus zu lösen.

Es gibt erste Freunde. Wagemutige junge Männer, die all das leben, was sie sich nicht traut.

Nach dem Abitur geht Anna zum Studium ins Ausland.

Ihr Essverhalten normalisiert sich.

Psychotherapeutische Praxis

Regina Konrad

 

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