Die Mutter

Pünktlich steht sie vor der Tür. Allein. Der Mann sucht einen Parkplatz. Er kommt mit Nikki später.

Die vornehme Madrilenin schlechthin. Klassischer Stil, dezent elegante Kleidung, eine kultivierte Frau, aufrechte Haltung, die gehalten werden muss, ein schmales Gesicht, mit steiler Stirnfalte, ein leicht verbitterter Zug um den Mund, dunkle schulterlange glatte Haare. Eine verschlossene Frau, anfänglich habe ich sie fast abweisend  erlebt, schwer zugänglich, habe wenig über sie erfahren. Meist hat ihr Mann geredet, sich in den Mittelpunkt gesetzt, gespreizt sein Wissen aus 10 jähriger Analyse preisgegeben, das leider selten zu einem veränderten Verhalten geführt hat. Mit einer gewissen Hartnäckigkeit kann er an seinen Verhaltensweisen festhalten, aber sie gut analysieren. Sie wirkt meist genervt, wenn er spricht, wendet sich ab, meinen Playmobilfiguren zu, mit denen sie wie abwesend spielt. Sie ist die älteste von 4 Geschwistern, denen sie Mutter war. Sie hat den Vater früh verloren, woran ihre Mutter zerbrochen ist, so dass sie auch noch die Mutter stützen musste. Sie hat gelernt, ihre Interessen hintanzustellen - so auch hier. Sie lässt ihn erzählen, zeigt aber, wie unpassend sie sein Verhalten findet. Sie lässt ihm dem Vortritt, was ihr vermutlich nicht ganz unlieb ist. So kann sie mich und meine Reaktionen aus der Beobachterposition kennen lernen, und sich erst ganz allmählich öffnen. All das geht mir durch den Kopf, während sie mir gegenüber Platz nimmt, mich freundlich anlächelt, erwartungsvoll. Wir warten, tauschen Höflichkeiten aus, das Wetter, es wird wärmer. Es klingelt.

Auftritt der Vater

Mit spitzbübischem Lächeln schnappt er sich einen ausrangierten Stuhl, der im Hausflur steht und schleppt ihn ins Therapiezimmer. Er hat ihn zu seinem Lieblingsstuhl erkoren, behauptet, nur der sei hier bequem. Er lässt ihn fallen, wirft sich breitbeinig auf den Stuhl. Kurze Leinenhosen, Lacosteshirt, lässige Eleganz. Er blickt sich ein wenig provozierend um. „Puh, ist das hier kühl.“ Er knatscht Kaugummi. Er ist jünger als seine Frau, vielleicht ein, zwei Jahre, wirkt aber eher wie ihr pubertierender Sohn. Er war das jüngste von drei Kindern, ein verhätschelter Nachzögling - so die Legende - ein autoritärer Vater, ein älterer Bruder, der ihn drangsalierte, eine Schwester, die magersüchtig ist. 

Im Schlepptau Nikki. 15 Jahre, aufgeschossen und schlaksig, die dunklen Haare der Mutter, nur ein wenig länger, die Knollennase des Vaters, ein Leberfleck über dem Mund, der ihr ein apartes Aussehen gibt, was sie nicht so sieht. Manchmal kann sie sehr hübsch sein, ein wenig geschminkt mit langen Ohrringen, witzige Klamotten. Meist jedoch gibt sie das hässliche Entlein, läuft gebückt, mit mürrischem Gesicht, kann sich selbst nicht leiden, fühlt sich in ihrer Haut nicht wohl, und zeigt das, ist unleidlich, provozierend bis an die Grenze des Erträglichen.

Jetzt sitzt sie zusammengeklappt zwischen der Mutter und dem Vater. Fühlt sich sichtlich unwohl, guckt zu Boden. Harrt der Dinge, die da kommen, vermutlich unangenehme Dinge, Vorwürfe z.B. – die Liste ihrer Verfehlungen der letzten Woche.

Um sie geht es nämlich - sie ist seit 1 ½ Jahren magersüchtig. Mit einer Hartnäckigkeit, wie ich sie selten erlebt habe, hält sie sich daran fest, ist mit dem Magersüchtigsein identifiziert, ringt damit die Mutter nieder, und zwingt ihre Eltern, einmal im Monat bei mir zu erscheinen – ob sie wollen oder nicht.

Ich nehme diese erste ausdruckstarke Szene auf, kommentiere sie nicht. Ich frage zunächst nach den heutigen Themen, gucke der Reihe nach Vater, Tochter, Mutter aufmunternd an. Der Vater knatscht Kaugummi, bedächtig, andächtig, die Stirn in Denkerfalten gelegt.

Nikki, zu ihm gewandt, in dem gereizten Ton einer genervten Mutter, aber auf spanisch: "Ganz schön schwierig zu sprechen, wenn man Kaugummi kaut." Darauf er, den vorwurfsvollen Unterton bewusst ignorierend: "Nö, ich denke nur nach." Und die Mutter: "Ich hätte schon eine Menge Themen, Nikkis unverschämten Umgangston z.B. in der letzten Zeit." "Ja, genau", fällt der Vater ein, "der Umgangston."

 

Regina Konrad

Psychotherapeutische Praxis

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