Literaturzirkel

Seit 2018 treffen wir - KollegInnen, LiteraturwissenschaftlerInnnen, LehrerInnen - uns in unregelmäßigen Abständen, um über Bücher zu besonderen Themen zu sprechen

 

 

Termine

19.06.20 Annie Ernaux Die Jahre

Es gibt Momente in der Geschichte, die untrennbar zu uns allen gehören, obwohl jeder Einzelne sie mit seinen eigenen Erinnerungen verknüpft. Der Roman "Die Jahre" der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux macht dieses Phänomen zum Erzählprinzip. Annie Ernaux wurde 1940 im Norden Frankreichs geboren, wo sie in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Sie studierte, wurde Lehrerin, bekam Kinder und widmete sich erst spät ganz dem Schreiben. Ihre Lebensgeschichte erinnert in vieler Hinsicht an die ihrer Kollegen Édouard Louis und Didier Éribon, deren Bücher in den vergangen Jahren auch in Deutschland Verkaufserfolge waren. In Rückkehr nach Reims schreibt Éribon mehrmals, dass ihn insbesondere zwei große Vorbilder inspiriert haben: Pierre Bourdieu und Annie Ernaux. Nachdem "Die Jahre", Ernaux' neuntes Buch, bereits 2008 in Frankreich herauskam und ihr sowohl dort als auch in Italien eine Reihe von Preisen einbrachte, brauchte es offenbar zuerst Éribon, um Ernaux auch hier bekannter zu machen. Beinahe zehn Jahre nach dem französischen Original erscheinen "Die Jahre" nun auch in deutscher Übersetzung.

In ihrem Roman erzählt Ernaux von dem, was sie im Titel verspricht: Von den Jahren ihres Lebens, den Jahren der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, den Jahren, die vergehen.

Die Welt, in der die Erzählerin groß wird, ist eine, die so anders ist, als läge zwischen damals und heute mehr als ein Menschenleben. Die Arbeit ist hart und orientiert sich, wie der Alltag, an Jahreszeiten und kirchlichen Feiertagen. Wunden werden mit Urin desinfiziert, der Krieg ist gerade erst vorüber. Es ist dreckig, die Kindersterblichkeit hoch. Die meisten Menschen sind nie länger als 50 Kilometer gereist, Paris ist fern wie ein fremdes Land. Es ist eine langsamere, ruhigere Zeit: "Stille war unser Hintergrundgeräusch und das Fahrrad das Maß für die Geschwindigkeit unseres Lebens." In dieser Welt sind Familienerzählung und gesellschaftliche Erzählung eins. Beim Sonntagsessen werden Geschichten erzählt, "in denen keine persönlichen Erlebnisse vorkamen außer Geburten, Hochzeiten und Todesfälle".

In "Die Jahre" nimmt sich Ernaux diese Art der Erzählung zum Vorbild: Sie erzählt die Geschichte einer Generation, oder besser, der Frauen einer Generation, die viele Erfahrungen teilen. Gleichzeitig vermischt sie diese mit ihrer eigenen, sehr individuellen Geschichte. Wie sie der Welt ihrer Kindheit durch ihr Studium entwächst, ohne sie je so ganz hinter sich zu lassen. Wie sie seit ihrer Jugend vom Schreiben träumt, sich aber verliert, irgendwo, zwischen Arbeit und Familie. Und wie es ihr dann, als die Kinder aus dem Haus sind, doch gelingt. Sie möchte "so etwas Ähnliches wie ,Ein Leben' von Maupassant" schreiben, "ein Buch, das das Vergehen der Zeit in ihrem Inneren und außerhalb von ihr, in der großen Geschichte, beschreibt".

Der Roman ist durchzogen von einer Melancholie und einem Gefühl von Verlust. Von Zeit, die nie mehr wiederkommen wird, von Personen, die gestorben sind, doch auch von einem jugendlichen Lebensgefühl, das einem irgendwie abhandengekommen ist. Zwar kommt immer wieder Hoffnung auf, bricht sich ein unbändiger Zukunftsglaube Bahn, doch wird der auch häufig enttäuscht. Die Dinge ändern sich plötzlich und schnell. Und dann? Auf den wirtschaftlichen Boom, der mit der Zuversicht einhergeht, dass all die neuen Dinge das Leben vereinfachen werden, folgt der Überdruss, der sich in der Kälte riesiger Supermärkte in trostlosen Gewerbegebieten manifestiert. Die Jahre einer sexuell unterdrückten Jugend, hin- und hergerissen zwischen "den Sticheleien der Jungen, Jungfrauen seien frigide, und den Vorschriften der Eltern und der Kirche", werden abgelöst von einer kurzen sexuellen Befreiung, die jedoch bald von neuen Ängsten erstickt wird. Die Perfektion hält Einzug ins Sexleben, der Körper muss schön sein. In den neunziger Jahren sind Frauen "mehr denn je unter Beobachtung, ihr Verhalten, ihr Geschmack und ihre Wünsche wurden permanent kommentiert, mal besorgt, mal selbstgefällig".

Die Form, die Ernaux für ihr Erzählen wählt, ist ungewöhnlich. Stückweise gleicht sie einer Collage: Kurze Erinnerungen und Bilder lösen sich ab mit der ersten Person Plural, dem "Wir" der Geschichte der Frauen; und mit Ernaux' eigener Lebensgeschichte, die sie anhand von Fotografien in der dritten Person beschreibt. Vom "Kleinkind mit Babyspeck, Schmollmund und einer dunklen Haartolle" bis zur alten Frau, "die Stirn von Falten überzogen", ihre Enkelin auf dem Schoß. Möchte man ein ganzes Leben erzählen, gehören alle drei Dinge zusammen: Die Bilder, die scheinbar wahllos und zufällig im Kopf bleiben, die gesellschaftliche Entwicklung und die eigene Biographie. Zwar ist die Geschichte der Gesellschaft immer auch eine andere, als die der Person, die sie erlebt, denn nicht jeder war 1968 zwischen 18 und 25, nicht jeder warf Steine, nicht überall war Paris. Doch berührt dieses Ereignis trotzdem ein ganzes Land, jedes einzelne Leben. Ernaux fügt alles zusammen zu einer vollkommen neuen Form autobiographischen Schreibens. Durch ihre Perspektive gelingt es ihr, sowohl sich selbst als auch ihre Rolle in der Gesellschaft wie von außen zu betrachten, dabei jedoch trotzdem sehr intim und berührend zu sein.

Es sind Bilder, die in diesem Roman eine große Rolle spielen, Bilder, die man im Kopf hat, die man, wie die eigene Sprache, mit niemand anderem teilt, die einen zu dem machen, was man ist. Filmszenen, an die man sich erinnert, auch wenn der Rest der Handlung längst verblasst ist. Sätze, die einem jedes Mal einfallen, wenn man an einer bestimmten Stelle vorbeifährt, weil sie irgendwann mal von einem Beifahrer genau im Moment des Vorbeifahrens gesagt wurden.

Ernaux zählt Redewendungen auf, die sie in die Vergangenheit tragen, zu Personen, die diese immer benutzten. Oder einzelne Äußerungen, wie die ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter: "Anders als die stehenden Wendungen, sind diese Sätze einzigartig, sie gehören allein ihrer Mutter und niemandem sonst auf der Welt." Es sind diese Erinnerungen, die alles zusammenhalten, die die Beziehung zu anderen Menschen ausmachen: "Wenn man seine mittlerweile erwachsenen Kinder beobachtete und ihnen zuhörte, fragte man sich, was einen eigentlich verband, weder das Blut noch die Gene, nur eine Gegenwart aus Tausenden gemeinsam verbrachten Tagen, aus Worten und Gesten, aus Mahlzeiten, Autofahrten, unzähligen geteilten Erfahrungen, deren man sich nicht bewusst war."

Auch wenn Ernaux auf diese Weise die Vergangenheit bewahren möchte, "etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird", ist sie nicht nostalgisch. "Dass Fragen in Bezug auf die Vergangenheit immer sinnlos sind", weiß sie zu gut. Ihre Haltung entsteht aus einem kritischen Blick auf die Gesellschaft, damals und heute. Das ist, neben dem Erinnern, das andere große Thema des Buchs, seine soziologische Seite, an der man sieht, warum Éribon sagt, er habe viel von ihr gelernt. Ernaux' Beobachtungen sind präzise und vorausschauend, besonders, wenn man bedenkt, dass der Roman in Frankreich vor bald zehn Jahren erschienen ist. Sie beschreibt, was die französische Gesellschaft teilt, sie erkennt, dass es Menschen gibt, die nicht dazugehören. Migranten, die irgendwo in dubiosen Vierteln wohnen, wo niemand hingehen mag; Menschen, die man allein als Bauarbeiter oder Müllmänner kennt. Sie fürchtet sich vor dem Erstarken der Rechten und der zunehmenden Kritik an den Medien. Nur manchmal rutscht sie dabei in eine etwas einseitige Fortschrittskritik, die sich den moralischen Zeigefinger, wenn auch aus stets distanzierter Haltung, nicht immer verkneifen kann.

Man mag sich "Die Jahre" nun sehr vollgepackt, ja verwirrend vorstellen. Auch die Erzählerin selbst hat "Angst, sich in den vielen Facetten der Wirklichkeit, die sie beschreiben will, zu verlieren". Erstaunlicherweise passiert das jedoch nie. Im Gegenteil überzeugt der Roman gerade dadurch, dass er die verschiedenen Ebenen miteinander vermischt. Auch das eigene Leben ist ja nichts anderes als ein ständiger Wechsel zwischen kleinen Beobachtungen und Weltgeschehen, zwischen Privatem und Kollektivem.

In all den Jahren mit ihren Veränderungen gibt es außerdem etwas, das bleibt. Die gemeinsamen Familienessen verbinden die einfache Kindheit mit Ernaux' späterem Leben als Intellektuelle, in dem sie selbst erst Mutter und schließlich Großmutter ist. Die Familienmitglieder wechseln, die Gesprächsthemen ändern sich, doch die Tradition bleibt bestehen. Es ist eine Tradition, die die Kinder langweilt und die erst mit dem Alter immer kostbarer wird, wenn Verwandte, die früher einmal dabei waren, in Erzählungen lebendig werden, und einem gleichzeitig bewusst wird, dass Zeit vergeht: "Wie das sexuelle Verlangen ist auch die Erinnerung endlos. Sie stellt Lebende und Tote nebeneinander, reale und imaginäre Personen, eigene Träume und die Geschichte." Ernaux' Buch ist der Versuch, das Erinnern in Worte zu fassen, damit eines Tages, wenn man "nur noch ein Vorname" sein wird, "von Jahr zu Jahr gesichtsloser", trotzdem etwas bleibt.

FAZ

 

11.07.20 Sayaka Murata Die Ladenhüterin

Eine Liebesgeschichte aus den Tiefkühlregalen unserer Herzen.
Die literarische Sensation aus Japan, die auch die deutschen Leserinnen und Leser im Sturm erobert hat: Eine Außenseiterin findet als Angestellte eines 24-Stunden-Supermarktes ihre wahre Bestimmung. Beeindruckend leicht und elegant entfaltet Sayaka Murata das Panorama einer Gesellschaft, deren Werte und Normen unverrückbar scheinen. Ein Roman, der weit über die Grenzen Japans hinausweist.
Schlicht und schön ist die Moral dieser befremdlich tröstlichen Geschichte.
Die Ladenhüterin ist absurd, komisch, klug und präzise erzählt.

 

 

31.07.20 Meg Wolitzer Die Interessanten

Im ewigen Sommercamp
Kaleidoskop des Lebens, 1974-2009: Meg Wolitzers Roman „Die Interessanten“ zeichnet ein amerikanisches Gruppenporträt
Als wäre es möglich, einfach nur die Zeit wirken zu lassen, so ruhig nimmt die Amerikanerin Meg Wolitzer in ihrem neuen Roman ein gewaltiges Projekt in Angriff. Sechs junge Menschen bringt sie in einem Sommercamp an der Ostküste zusammen und begleitet sie fünfunddreißig Jahre lang, von 1974 bis 2009: das verwöhnte Geschwisterpaar Ash und Goodman Wolf, den unansehnlichen, hochbegabten Komikzeichner Ethan Figman, die leidenschaftliche Tänzerin Cathy Kiplinger, den schwulen Sohn einer bekannten Folksängerin, Jonah Bay, und Julie Jacobson, die sich als Außenseiterin fühlt, im Camp ihr komisches Talent entdeckt und als „Jules“ Schauspielerin werden will. Dabei legt Meg Wolitzer nicht auf alle Figuren das gleiche Gewicht. Goodman und Cathy lässt sie über die Jahre an der langen Leine mitlaufen. Die anderen vier bindet sie enger zusammen, zu einem feinmaschigen Netz aus Freundschaft und Liebe, Zuneigung, Vertrauen, aber auch Neid.
  Julie Jacobson – ihre Eltern sind wie Ethans Eltern Juden – ist die Einzige, die nicht in New York City lebt, sondern in einem hundert Kilometer östlich gelegenen Vorort. Ihr Vater ist gerade an Krebs gestorben, als sie ein Stipendium für „Spirit-in-the-Woods“ erhält, wo Schüler während der Ferien ihre Kreativität entfalten sollen. Sie ist auch die Einzige, für die das Camp jahrzehntelang eine Art Utopia bleibt, bis sie mit Anfang fünfzig dort als Leiterin anheuert und entdecken muss, dass sie sich erneut als Außenseiterin fühlt: nicht mehr ihrer sozialen Herkunft, sondern ihres Alters wegen.
  Meg Wolitzer, die 1959 geboren wurde, also so alt ist wie ihre Hauptfiguren, er-zählt ihren elften Roman nicht chronologisch. Sie springt zwischen den Zeiten hin und her. Dabei entsteht eine dichte Atmosphäre, in der Lebensfragen mitlaufen, ohne dass sie explizit formuliert werden müssen: Wie gestalten sich Lebensläufe? Welche Rolle spielen Glück und Talent, Herkunft und Geld, Wünsche, Vorsätze, Planung und Leistung? Und wann ist es Zeit, einen Lebenstraum zu verabschieden, um mit dem, was man hat, zufrieden zu sein?
  Meg Wolitzers Erzählstimme bleibt zurückhaltend, kaum redet sie ihren Figuren dazwischen. Geschickt arrangiert sie die Kapitel zu einem Kaleidoskop von Lebensaltern, in dem zwei Zeitabläufe ineinander greifen: Zum einen die biografische Zeit mit ihren markanten Lebensphasen – der Jugend, in der alles möglich scheint und Freundschaften nur nach dem Kriterium der Sympathie geschlossen werden, dem Alter zwischen zwanzig und dreißig, in dem man noch nicht am Erfolg gemessen wird, und den Jahren danach, in denen es sich entscheidet, ob man eine Familie haben wird und sich berufliche Hoffnungen erfüllen. Zum anderen der Lauf der Zeitgeschichte mit ihren politischen Veränderungen, dem Wechsel von Moden und Werten.
  Der Rücktritt Nixons, der Vietnamkrieg, Ronald Reagan, die Kriege im Irak, die Wirtschaftskrisen, der Terroranschlag von 9/11, der Aufstieg des Internets und der Überwachung – all das bildet lediglich das Hintergrundrauschen. Doch beeinflussen gesellschaftliche Stimmungen das Leben der Protagonisten, wie etwa die seit den 1990er-Jahren stärker werdende Koppelung von Kreativität und Kommerz.
  Ethan macht eine steile Karriere als Trickfilmzeichner. Seine Fernsehserie „Figland“, deren Erfolg man sich wohl wie den der „Simpsons“ vorstellen muss, ist der Grundstein eines Film- und Merchandising-Imperiums, das ihn immer ruheloser in der Welt herumreisen lässt. Die schöne Ash, die seine Frau wurde, muss es hinnehmen, dass ihre Arbeit als „feministische Theaterregisseurin“ nie ohne den Hinweis auf ihren Mann besprochen wird. Julie hat ihre Schauspielträume früh begraben. Sie ist eine von ihren „Kunden“ sehr geschätzte Therapeutin geworden, schlecht bezahlt und überarbeitet – bis die Arbeit ganz von alleine abnimmt, weil der Wunsch nach Psychopharmaka häufiger wird als der nach Gesprächen.
  Ihr Mann ist Ultraschalltechniker, er leidet an Depressionen, seit sie ihn kennt. Lange haben ihm MAO-Hemmer geholfen. Nach einem allergischen Schock muss er das Präparat wechseln. Doch auf andere Medikamente spricht er nicht an. Also versorgt er die gemeinsame Tochter, während sie das Familieneinkommen erwirtschaftet. Irgendwie hat sie sich ihr Leben anders vorgestellt.
  Mit der kaleidoskopartigen Gestaltung ihres Romans, die frühe und spätere Lebensphasen immer wieder eng zusammenrückt, erweckt Meg Wolitzer für jede ihrer Figuren Sympathie. Dass Jules nicht anders kann, als Ash und Ethan, das erfolgreiche Paar mit zwei Kindern, zu beneiden, obwohl die beiden ihre besten Freunde sind, versteht man wohl. Und ebenso, dass Jonah, der als Elfjähriger vom Lebensgefährten der Mutter heimlich unter Drogen gesetzt wurde, um seine Kreativität als Songtexter abzuschöpfen, nicht einmal mit den Freunden darüber sprechen kann. Dass sein Lebensgefährte Aids hat, ist ihm gerade recht, so hat er einen Vorwand, beim Sex die Kontrolle zu behalten.
  Wie unkalkulierbar die Gründe sind, warum wir uns in jemanden verlieben, wie stabilisierend sich Freundschaften auf Ehen auswirken, wie gefährlich Geheimnisse sein können, selbst wenn man sie im Namen eines anderen wahrt: davon erzählt dieser Roman ebenso wie vom Wandel der Zeiten. Meg Wolitzer schreibt nicht so abgründig wie Jennifer Egan und nicht so ambitioniert wie Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides. Doch ihr Roman hat Charme, Intelligenz und Charakter. „Die Interessanten“ heißt er mit Recht, auch wenn sich die sechs Freunde diesen Namen ironisch gaben – damals, als sie jung waren, bei ihrem ersten Treffen in „Spirit-in-the-Woods“.

SZ

 

28.08.20 Oliver Sacks On the move

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